Thema

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50 Jahre
Erneuerung der Liturgie   

Die Konstitution über die heilige Liturgie, Constitutio de Sacra Liturgia, war das erste Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, das am 4. Dezember 1963 mit 2147 Ja- zu 4 Nein-Stimmen verabschiedet wurde und als Ausgangspunkt der folgenden Erneuerung der Liturgie gilt.

Mit den Konzilstheologen Karl Rahner und Herbert Vorgrimler kann man sagen, «dass diese Konstitution die Mehrzahl der grossen Themen des Konzils in aufgeschlossener und glücklicher Weise präludiert». Die Liturgiekonstitution ist also nicht nur zeitlich das erste Dokument, sondern in ihr klingen bereits die wichtigsten Themen des Konzils an. Zum 50. Jahrestag ihres Bestehens sollen hier einige wichtige Aussagen dieses für die Liturgie zentralen Dokumentes genauer unter die Lupe genommen werden. Zitiert wird das Dokument meist als LK oder SC, Letzteres von den lateinischen Anfangsworten Sacrosanctum Concilium. 

«In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, vollzieht sich das Werk der Erlösung …» (SC 2) 
«Vollzieht» – immer noch? Wurde das ‹Werk der Erlösung› denn nicht bereits vor 2000 Jahren vollzogen?», könnte man fragen. – Nein, stellt die Liturgiekonstitution heraus, denn in der Liturgie der Kirche feiern wir nicht wie in einer Gedenkveranstaltung längst vergangene Ereignisse. Dass Gott uns in Jesus Christus erlöst hat, wirkt immer noch fort. Das hat Folgen für unsere Gegenwart. Jedes Mal wenn wir Gottesdienst feiern, scheint dieses erlösende Handeln konkret auf, wird «vergegenwärtigt»: In Worten und Zeichen, in der Verkündigung und in den Sakramenten – vor allem in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein – wird Gott in Christus an uns heilbringend tätig. Wer sich das vor Augen führt, erkennt, dass beim Liturgie-feiern die Initiative von Gott ausgeht. Er ist es, der uns seine Gnade immer wieder neu schenkt. Erst in einem zweiten Schritt sind wir als Mitfeiernde, als Glaubende, als Gemeinschaft gefragt. Das Geschenk seines Heils annehmend und dafür dankend, schicken wir unseren Lobpreis und unser Gebet «hinauf» zu Gott. 

«Die Liturgie ist der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der alle ihre Kraft strömt. Denn die apostolische Arbeit ist darauf hingeordnet, dass alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl geniessen.» (SC 10)
Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass diese vielzitierten Worte die Kernaussage der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils enthält: Alle seelsorglichen Tätigkeiten der Kirche müssen zur gottesdienstlichen Feier hinführen, dürfen im Gegenzug aber auch ihre Kraft aus ihr gewinnen. Dies verdankt sich Christus selbst, der in jedem Gottesdienst erlösend gegenwärtig ist. Beachtenswert ist auch, dass SC 10 nicht nur von der Eucharistiefeier spricht. Liturgie erschöpft sich nicht in ihr. Denn neben der Teilnahme am Opfer und dem Genuss des Herrenmahles werden auch das Sich-Versammeln und das Gott-Loben ausdrücklich genannt und ihnen damit ein Eigenwert zugemessen. – Mit SC 10 gaben die Konzilsväter der Liturgie endlich wieder ihren zentralen, ursprünglichen Platz in der Theologie und im Leben der Kirche zurück, den sie verlor, als man in ihr vor allem äussere Zeremonien sah. Gottesdienst ist nicht einfach schmückendes Beiwerk kirchlichen Handelns, sondern er ist der zentrale Ort, an dem sich der Glaube realisiert, an dem Erlösung aus Sünde und Tod geschieht und Gott verherrlicht wird – eben der Höhepunkt und die Quelle allen kirchlichen Tuns. 

«Die Mutter Kirche wünscht sehr, alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewussten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden…» (SC 14) 
Dieser Artikel der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium des Zweiten Vatikanischen Konzils bringt etwas Grundsätzliches für das gottesdienstliche Leben der Kirche zum Ausdruck, was manchen heute vielleicht banal erscheinen mag: Nicht nur der Klerus, d. h. die Bischöfe, Priester und Diakone feiern Liturgie, sondern die Gesamtheit der Gläubigen – und das «kraft der Taufe», wie es weiter heisst. Der Begriff «tätige Teilnahme» taucht insgesamt 15 Mal in der Liturgiekonstitution auf und spiegelt das erneuerte Kirchenverständnis des Konzils wider, das Kirche als Volk Gottes, als Gemeinde aller Getauften versteht. Darum sollen (und müssen!) die Gläubigen den liturgischen Feiern nicht einfach nur andächtig und passiv beiwohnen, sondern wirklich daran teilnehmen: durch Gesänge und Antwortrufe (Akklamationen), durch das bewusste Mitbeten und die Körperhaltungen (stehen, knien…) und die Übernahme eines liturgischen Dienstes. Besonders hier haben sich im Rahmen der Liturgiereform nach dem Konzil viele Möglichkeiten für Laien (Lektor/-in, Ministrant/-in, Kantor/-in, Kommunionhelfer/-in…) ergeben. Doch beinhaltet die «tätige Teilnahme» auch die entsprechende liturgische Bildung der Gläubigen – eine Aufgabe, die bis heute andauert und in einer Zeit, in der Glaubenswissen nicht mehr selbstverständlich vorhanden ist, sogar noch wichtiger geworden ist. Gerade hier sind die hauptamtlichen Seelsorger/-innen besonders gefragt. 

«Da bei der Messe, der Sakramentenspendung und in den anderen Bereichen der Liturgie nicht selten der Gebrauch der Muttersprache für das Volk sehr nützlich sein kann, soll es gestattet sein, ihr einen weiten Raum zuzubilligen ...» (SC 36 § 2) 
Was für das heutige kirchliche Leben eine Selbstverständlichkeit ist, dass nämlich Menschen die Liturgie in ihrer eigenen Muttersprache feiern können, stellte für die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils eine der schwierigsten Reformentscheidungen dar. Galt doch die römische Liturgie mit ihren lateinischen Texten und Gesängen als unantastbare Norm, nach der sich die gesamte Weltkirche zu richten hatte – auch wenn nur die wenigsten Gläubigen die zum Verständnis erforderlichen Lateinkenntnisse mitbrachten und oftmals selbst die zelebrierenden Priester damit Mühe hatten. Letztlich prägte die mutige Entscheidung der Konzilsväter mit der Liturgiekonstitution der Volkssprache «einen weiten Raum zuzubilligen» die gesamte Liturgiereform. Zwar blieb das Lateinische als die der römischen Liturgie ureigene Sprache bestehen (vgl. SC 36 § 1) – und sie wird auch da, wo es angebracht erscheint, bis heute weiterhin verwendet. Doch legten der Wunsch nach einer tätigen Teilnahme der Gläubigen, die Wiederentdeckung des Wort Gottes und das Bewusstsein für den Gemeinschaftscharakter gottesdienstlichen Feierns nahe, nach und nach die Volkssprache für die gesamte römische Liturgie zu erlauben, was bis 1976 auch geschehen ist. 

«Auf dass den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden.» (SC 51) 
Dass Gott in den Worten der Bibel lebendig und gegenwärtig ist, hat das Zweite Vatikanische Konzil wieder bewusst gemacht. Die Konzilsväter waren sich darüber einig, dass dies vor allem für die Gestalt der Messfeier Konsequenzen haben musste. Dort war seit dem Mittelalter nur noch eine stark abgemagerte, einjährige Leseordnung übrig geblieben. Die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium (SC) wollte diesem Missstand mit Artikel 51 entschieden entgegentreten. Eine Umsetzung erfuhr er durch die nachkonziliare Leseordnung (Ordo lectionum Missae) von 1969: Seitdem werden in einem Turnus von drei Jahren (Sonn- und Festtage) bzw. zwei Jahren (Werktage) alle wichtigen Textstellen der Heiligen Schrift in der Messfeier verlesen. Auch dem Alten Testament kommt an Sonntagen und Hochfesten nun der gebührende Stellenwert zu, denn die vorkonziliare Leseordnung sah eine alttestamentliche Lesung nur an Epiphanie vor. Weiterhin sind für die Sonntage und Hochfeste nun drei (früher zwei) Schriftlesungen vorgesehen – eine Regelung, die den Wortgottesdienst als ersten Teil der Messfeier stark aufgewertet hat. Zumindest im deutschen Sprachraum fällt oftmals eine der Lesungen aus. Dass damit die «Schatzkammer der Bibel» ein grosses Stück geschlossen bleibt, ist bedauerlich.