Aktuelle Nummer 19 | 2020
13. September 2020 bis 26. September 2020

Schwerpunkt

Im Schatten des Ersten Vatikanischen Konzils

Vor 150 Jahren tagte das Erste Vatikanische Konzil. Im damaligen Zeitalter des Imperialismus erhob auch die Kirche den Papst zu einem absolutistischen, geistlichen Monarchen mit weltweitem ­Herrschaftsanspruch. Die dreifache Papstkrone «Tiara» war Symbol dieser Herrschaft und wurde ­gedeutet als «Vater der Könige, Oberhaupt der Welt und Statthalter Christi». Manche Debatten und ­Beschlüsse wirken aus heutiger Sicht geradezu bizarr. Aber die Konzilsbeschlüsse von 1870 ­prägen die Kirche bis heute. Kuno Schmid befragt dazu ­Stephan Leimgruber, den emeritierten ­Theologieprofessor und ehemaligen Solothurner Kantonsschullehrer. 

Das Erste Vatikanische Konzil (8. Dezember 1869 bis 1. September 1870) wurde nach nur neun Monaten abrupt abgebrochen, weil der Kirchenstaat und Rom erobert und dem vereinigten Italien angeschlossen wurden. War das Konzil eine verzweifelte letzte Machtdemonstration, um den Verlust des Kirchenstaates abzuwenden?
Stephan Leimgruber: Das Erste Vatikanum war für mich eine (durchaus problematische) Antwort auf den seit der Französischen Revolution gärenden Konflikt um die Macht in Kirche und Staat. Die Kirche wusste sich bedroht von weltlichen Mächten. Sie bangte um ihre Hoheit in Glaubens-, Wissens- und Sittenfragen. Es gab noch keine Pluralität von Standpunkten, die zu tolerieren waren, sondern nur den einen wahren und richtigen Standpunkt. Natürlich spielte auch der Verlust des Kirchenstaates im Sinne eines Machtverlustes eine Rolle.

Die Zeit vor dem Konzil war geprägt von philosophischem, politischem und auch gewalttätigem Ringen um Freiheitsrechte und Mitbestimmung der Bürger. Warum hat sich die Kirche so einseitig auf die Seite des «Ancien Régime» und der traditionellen Monarchien gestellt?
SL Zur damaligen Zeit stand die Kirche nicht auf der Seite der Armen und traf noch keine Option für die Armen wie in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Vielmehr gab es zahlreiche Verbindungen mit der Oberschicht. Die Bischöfe waren bis zu ­Beginn des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz z. T. adelige Fürstbischöfe mit eigenen Territorien. 

Die katholisch-konservative Bewegung der «Ultramontanen» forderte, dass das Konzil den sogenannten «Syllabus» als Glaubenslehre definieren sollte. Dazu kam es aber nicht. Worum geht es beim «Syllabus»?
SL Der «Syllabus errorum» war eine Sammlung von Irrtümern, die Papst Pius IX. den zeitgenössischen Strömungen anlastete. Sie muten heute «bizarr» an, wie Redaktor Schmid im Lead meint. Dazu gehörten die Verurteilungen der Religionsfreiheit, der Gewissensfreiheit, des Atheismus, des Protestantismus. Mit der Verurteilung aller Entwicklungen der Moderne verteidigt der Papst die alleinige Deutungshoheit der Kirche gegenüber der Wahrheit und wehrt sich gegen die Ansprüche, die Kirche der staatlichen Gewalt und Rechtsordnung zu unterstellen.  «Der römische Papst kann und muss sich mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der gegenwärtigen Zivilisation versöhnen und vergleichen.» Mit der Verurteilung dieses Satzes schliesst der «Syllabus errorum» ab. 
Das Zweite Vatikanische Konzil machte den Weg für eine dialogische Beziehung zur Welt frei, hat die Religionsfreiheit proklamiert und damit den Syllabus korrigiert. 

Stattdessen verkündete das Erste Vatikanische Konzil die sogenannte «Unfehlbarkeit des Papstes», die der Schweizer Theologe Hans Küng mit dem «Verbleiben der Kirche in der Wahrheit» umschrieb. Wie ist diese Unfehlbarkeit zu verstehen? 
SL Die Unfehlbarkeit ist ein heute ungeeigneter Begriff, weil er mit einem Maximalismus aufgeladen ist, der heutigem Denken fern ist. Es geht nicht um die moralische Vollkommenheit des Papstes, sondern um die Botschaft der Kirche. Besser ist der Begriff «Unzerstörbarkeit», d. h. die Kirche wird vom Hl. Geist in der Wahrheit gehalten und geht nicht einfach in die Irre. Unfehlbarkeit bezieht sich auf – unter strengen Auflagen formulierte – Dogmen, nämlich, wenn der Papst als «oberster Hirte und Lehrer aller Christen in Glaubens- und Sittenfragen» endgültig entscheidet. Bis jetzt ist es zu einer einzigen Äusserung des unfehlbaren Lehramts gekommen: 1950 das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel. 

Das zweite Dogma des Konzils betrifft die rechtliche Stellung des Papstes, den sogenannten «Jurisdiktionsprimat». Wurde damit der römische Zentralismus begründet?
SL Der Jurisdiktionsprimat betrifft die oberste innerkirchliche Rechtsgewalt. Der Papst kann sie in jeder Hinsicht frei ausüben und die Gläubigen sind ihr im Gehorsam unterworfen. Hier wird bereits sprachlich ein Untergebenenverhältnis zum Ausdruck gebracht, in dem sich unsere Zeitgenossen nicht mehr verstanden wissen. Theologisch kommt das Ernstnehmen des Gewissens und des Glaubenssinnes der Gläubigen dazu. 

Stimmt der Vorwurf, dass der katholische Glauben auf einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber der päpstlichen Autorität reduziert wurde? 
SL Ich vermute ja und erinnere mich an die Fragen des Bischofs bei der Priesterweihe: «Versprichst du mir und meinem Nachfolger Ehrfurcht und Gehorsam?» Da gehört heute sicher ein Mitspracherecht und das Einbringen der eigenen Gedanken in einen Lernprozess hinein, sonst wäre es ja ein Kadavergehorsam, der für Menschen unwürdig ist.

Inwiefern hat das Zweite Vatikanische Konzil dieses Glaubens- und Kirchenverständnis korrigiert und warum blockieren die Beschlüsse von 1870 trotzdem die Kirche bis heute?
SL Das Zweite Vatikanische Konzil musste das Erste ergänzen und insofern korrigieren. Es äusserte sich über die Bischöfe, die Priester und über die Laien. Es hat ein neues dialogisches Kirchenbild entworfen. Der Papst sollte nichts entscheiden ohne das Einverständnis der Bischöfe; ein Bischof sollte nicht selbstherrlich regieren, sondern den Glaubenssinn der Gläubigen einholen; ein Pfarrer sollte den Pfarreirat konsultieren, wenn es um wichtige Veränderungen geht. Die Beschlüsse des I. Vatikanums blockieren die Kirche heute, weil sie wörtlich in die Texte des II. Vatikanums aufgenommen wurden (v.a. Lumen gentium Nr. 22). Fazit: Die beiden Dogmen des I. Vatikanums (Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat) sollten heute neu formuliert werden. (Mutige vor!) 

Im Kanton Solothurn leistete damals die Mehrheit der Katholiken Widerstand gegen die Beschlüsse des Konzils. Aus den Protestversammlungen ging die Christ-
katholische Kirche hervor. Wie stehen die christkatholische und die römisch-katholische Kirche heute zueinander?
SL Die christkatholische und die römisch-katholische Kirche verstehen sich heute nach meinen Erfahrungen gut und begegnen sich geschwisterlich. Beide haben ähnliche Probleme. Theologisch hat man sich stark angenähert: Die Christkatholiken haben auch ein Bischofsamt; sie feiern die Sakramente und verstehen sie praktisch gleich wie die römisch-katholischen Christinnen und Christen. Die liturgische Erneuerung und der Religionsunterricht sind auch bei ihnen grosse Themen. Unterschiedlich ist die Lebensform der Pfarrer, und über die Papstdogmen könnte man wohl reden. Einige katholische Theologen (und Theologinnen) sind zu den Christkatholiken gegangen, weil sie heiraten wollten und den Papst nicht für so wichtig empfanden. 

Nicht alle haben sich der Christkatholischen Kirche angeschlossen. Aber viele liberal denkende Katholiken blieben auf Distanz zur Kirche und fühlen sich bis heute ausgegrenzt. Was kann ihnen heute gesagt werden?
SL Victor Conzemius (1929–2017) hat mit seiner kirchengeschichtlichen Forschung viel zur Rehabilitierung der liberalen Katholiken beigetragen. In der Pastoral gibt es einen Topos: Seelsorge für kirchlich Distanzierte, d. h. für Menschen, die durchaus christlich denken, aber der Kirche konkret vor Ort entfremdet sind. Mit ihnen sollten die Seelsorgenden vermehrt das Gespräch suchen.

Welche Auswirkungen haben die Dogmen von 1870 auf die ökumenischen Gespräche mit den anderen christlichen Kirchen und auf die Suche nach der Einheit der Christen?
SL Es sind Stolpersteine, die heute im theologischen Diskurs unnötige Hindernisse bieten und die man, wie gesagt, neu formulieren sollte. Andererseits gilt es zu bedenken, dass jede der Kirchen ihre gewachsene Gestalt und Struktur aufweist und wahren möchte. Keine soll von der anderen absorbiert werden. Ökumene im Sinn der Annäherung der Verschiedenen, die aber in vielen Fragen einander nahestehen, insbesondere in den Grundfragen des Glaubens und Lebens.