Aktuelle Nummer 19 | 2020
13. September 2020 bis 26. September 2020

Editorial

Sonderfall Solothurn

Solothurn ist der einzige Deutschschweizerkanton, der den Kompetenzbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» aus dem Lehrplan 21 gestrichen hat. Es ent­spreche nicht der Solothurner Schultradition, sich mit «Religion» zu beschäftigen, man überlasse diesen Kompetenzaufbau dem kirchlichen Unterricht, hiess es. Wirken da immer noch die Abgrenzungen des 19. Jahrhunderts nach? 

Damals war die Solothurner Bevölkerung polarisiert. Radikale konservative Katholiken stellten die von den Bürgern seit 1830 erkämpfte demokratische Ordnung infrage. Für sie galt nur die Autorität des Papstes, die Kirche stand über jeder staatlichen Ordnung. Entsprechend radikalisiert waren auch ihre Gegner, die liberalen Katholiken. Sie wollten den jungen demokratischen Staat und die bürgerlichen Freiheiten verteidigen und erachteten es als unabdingbar, dass dazu die Macht der Kirche eingeschränkt werden musste. Katholiken standen gegen Katholiken. Misstrauen und Feindschaft prägten Generationen und spalteten Vereine und Dörfer. Vieles wäre noch differenzierter zu sagen und manche Positionen werden bis heute vertreten.  

Bei kantonalen Wahlen siegten jeweils die liberalen Kräfte deutlich. Gleichzeitig blieb die Bevölkerung mehrheitlich katholisch. Nur wenige entschieden sich später für die neugegründete christkatholische Kirche. Liberal und katholisch – Sonderfall Solothurn. Innerkirchlich setzte sich jedoch nach dem I. Vatikanum (1870) die konservative, antimoderne Haltung voll durch. Liberale wurden vielerorts über Jahrzehnte durch die Pfarrer und die «Schwarzen» auf Distanz zur Kirche gehalten. Ein Grossteil der Solothurner Katholi-
kinnen und Katholiken ist deshalb schon seit 150 Jahren zu Fernstehenden geworden. Sonderfall Solothurn.

Das alles hat sich in den letzten Jahrzehnten entspannt und gewandelt. Aber die Zurückhaltung gegenüber Religion und Kirche ist geblieben und zeigt sich auch darin, dass der Kanton Solothurn einen hohen Anteil an distanzierten Christen und viele Kirchenaustritte aufweist. Trotz guter Initiativen scheint die Kirche für manche auch heute fest in der Hand von Konservativen zu sein, und ein entspannter Dialog über Religionen in Schule und Gesellschaft bleibt schwierig. 

Ich wünsche Ihnen segensreiche Pfingsttage. 

Kuno Schmid