Aktuelle Nummer 17 | 2019
18. August 2019 bis 31. August 2019

Schwerpunkt

Landung im Meer der Ruhe

von Reto Stampfli

Im Juli jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Kaum ein anderes Ereignis hat sich im 20. Jahrhundert so sehr in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingeprägt wie die ersten Schritte auf der Mondoberfläche. Spirituell besitzt der Mond seit Menschengedenken eine grosse Bedeutung.

Vor 50 Jahren setzte der erste Mensch seinen Fuss auf den knapp 400 000 Kilometer entfernten Erdtrabanten. Papst Paul VI. (1963–1978) begab sich kurz vorher, am Abend des 20. Juli 1969, in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo zur nahe gelegenen Sternwarte. Durch das Teleskop beobachtete er eine Weile das «Meer der Ruhe» – den für die erste bemannte Mondmission bestimmten Landeplatz. Am Fernsehbildschirm verfolgte er dann später mit anderen Anwesenden die Übertragungen des gewagten Landemanövers im Weltall. Papst Paul VI. war, wie Hunderte Millionen seiner Zeitgenossen, fasziniert von diesem epochalen Schritt in eine neue Dimension. Nur vier Länder weltweit berichteten, ideologisch bedingt, nicht über die Mondlandung: China, Albanien, Nordkorea und Nordvietnam. In den Tagen zuvor hatte der über das Apollo-Programm gut unterrichtete Pontifex der dreiköpfigen Besatzung einen handgeschriebenen Brief zukommen lassen, in dem er die Astronauten aufforderte: «Tragt zum Mond mit eurer lebendigen Gegenwart die Stimme des Geistes, das Loblied auf Gott unseren Schöpfer und Vater.»

Ein einflussreicher Nachbar
Diese päpstliche Begeisterung hätte leicht darüber hinwegtäuschen können, dass sich das Lehramt der katholischen Kirche über Jahrhunderte mit dem Erdmond und seiner Positionierung im Weltall schwertat. Als sich die Gedanken von Astronomen wie Brahe, Kepler oder Kopernikus immer weiterverbreiteten, wurde die Kirche auf diese neue Lehre aufmerksam, die nicht mit der Idee einer unverrückbaren Erde im Zentrum des Universums übereinstimmte. 1616 erklärte die Inquisitionsbehörde in Rom die Vorstellung einer sich bewegenden Erde für ketzerisch. Die Schriften von Kopernikus und alle damit verbundenen Kommentare wurden verboten. 

In anderen Kulturen und Religionen galt der himmlische Begleiter seit jeher als eine Inspirationsquelle für die Menschen. Bereits vor rund 30 000 Jahren ritzte ein Urmensch in der Dordogne den Mondzyklus in ein Stück Knochen. Es rankten sich alle möglichen Legenden um das «Verschwinden» des Mondes. Im alten China etwa meinten die Menschen, ein Drache würde versuchen, den Mond zu verschlingen. Der Mond hatte auch im Denken und Glauben der altorientalischen Kulturen eine herausragende Bedeutung. Die Verehrung des Mondes spielte vor allem in Mesopotamien, Kleinasien und Syrien-Palästina – anders als in Ägypten – eine einflussreiche Rolle. Aufgrund ihrer sichtbaren Präsenz am Himmel galten Mond und Sonne als Manifestationen bedeutender Gottheiten und übten eine besondere Faszination auf die Menschen aus. 

Der Mond in den abrahamitischen Religionen
Im Ersten Testament wird der Mond in Psalm 136 als das «kleine Licht zur Herrschaft der Nacht» besungen. Die Israeliten wurden jedoch ausdrücklich davor gewarnt, sowohl die Sonne als auch den Mond zu verehren (Deuteronomium 4,19; Hiob 31,26–28). In der christlichen Bibel wird der treue Begleiter der Erde kaum erwähnt, er wird jedoch beim Weltende eine entscheidende Rolle spielen: Wenn Zeichen am Mond und an der Sonne erkennbar werden, dann wird die Zeit des letzten Gerichts anbrechen (Lukas 21,25; Offenbarung 6,12). Ganz anders steht es um die Bedeutung des Mondes im Islam. Im Koran schuf Allah die Sonne, den Mond und die Planeten und lenkte sie alle auf ihre Bahnen. Noch heute werden die wichtigsten islamischen Feste mithilfe des Mondkalenders festgelegt. Dass einzelne religiöse Festtage nach dem Mondkalender ausgerichtet werden, kennen übrigens auch das Judentum und Christentum, wie etwa an Pessach und Ostern.

Wackelbilder für die Ewigkeit
Um 3:56 Uhr mitteleuropäischer Zeit, also zur besten Fernsehzeit in den USA, stieg Neil Armstrong vorsichtig von der letzten Stufe der Leiter auf die Mondoberfläche. Schemenhaft konnte man den weit gereisten Gast auf den zitternden Fernsehbildern erkennen. Erst auf dem Weg zum Mond hatte er entschieden, was er in diesem Moment sagen wollte. Neil Armstrong war Astronaut, kein Poet und sicherlich auch nicht für die Öffentlichkeitsarbeit prädestiniert. Doch man kann sich heute noch fragen, ob sein einprägsamer Ausspruch «Es ist ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit» nicht doch von der NASA oder der amerikanischen Regierung vorgegeben war. Hätte Armstrong stattdessen auch einfach sagen können «Hier oben ist wirklich gar nichts los»? Armstrong stritt später jegliche Vorwürfe ab, dass ihm sein epochaler Satz souffliert worden sei. Co-Pilot Buzz Aldrin beschränkte sich auf den ebenfalls einprägsamen Ausspruch: «A magnificent desolation – eine grossartige Einöde!»

Den Mondfahrern eröffnete sich eine mystische Welt voller existenzieller Erfahrungen. Einige Weltraumreisende schienen, nach ihrem Ausflug in die Schwerelosigkeit, zurück auf der Erde den Halt verloren zu haben. Buzz Aldrin, Mitglied einer Presbyterkirche in Texas, der vor dem Ausstieg aus dem Landemodul das Abendmahl gefeiert hatte, wurde von schweren Depressionen heimgesucht, die in einer langjährigen
Alkoholsucht endeten. Alan Bean zog sich zurück und malte am Laufmeter sonderbare Mond-Bilder. Der tief religiöse James B. Irwin äusserte nach seinem Mondaufenthalt als Prediger mehrfach moralische Vorbehalte an weiteren Expeditionen und suchte später im Ararat-Gebirge nach den Überresten der Arche Noah. Charles M. Duke flippte nach seiner Rückkehr völlig aus. Später übernahm er ein geistliches Amt und fand durch seinen Glauben den Frieden mit seiner Familie wieder. Edgar D. Mitchell aus der Apollo-14-Crew gründete ein privates Institut zur Erforschung von Bewusstseinsveränderungen. Jahrzehnte nach sei
nem Flug zum Mond machte er mit bizarren Äusserungen zu UFOs und anderen esoterischen Themen auf sich aufmerksam. 

Der griechische Schriftsteller Aischylos nannte den Mond «das Auge der Nacht». Ohne Mond wäre die Erde ein völlig anderer Ort, vermutlich sogar unbewohnt. Sein gedämpftes Licht wird als Quelle des Lebens verehrt, jedoch auch als Todesbote gefürchtet. Jede Nacht tritt er seine Reise an. Den meisten seiner Besucher hat er kein Glück gebracht, obwohl sie in friedlicher Mission unterwegs waren. Der gewonnene Blick vom Mond auf die Erde hinunter ist trügerisch, denn unsere Sichtweise hat sich dadurch nicht spürbar erweitert. Der Blick über den Mond hinaus bleibt weiterhin das grosse Rätsel der Menschheit schlechthin.