Aktuelle Nummer 25 | 2019
08. Dezember 2019 bis 21. Dezember 2019

«Das Bild der acht Frauen die am Tisch sitzen, bezieht sich auf die Abendmahlsituation,»

Mit der Vernissage zum Werk «Acht Frauen» der Künstlerin Corinne Güdemann in der Kirche St. Stephan im basellanschaftlichen Therwil kam es am Samstag zu einem speziellen Anlass für alle Beteiligten. Im Zentrum standen starke Frauen in der Kirche damals und heute.

Vera Rüttimann (kath.ch)

Der Gast, der den Kirchenraum für diese Vernissage betritt, staunt. Ungewöhnliches ist in der Kirche St. Stephan zu sehen. Die Gemeindeglieder sitzen nicht nur in den Bänken, sondern auch vorne im Chor. Der Altar ist weggeräumt. Die Blicke richten sich in den Kircheninnenraum.

Ein neues Fresko «freigelegt»

Die Anwesenden wollen dem neuen Werk der Künstlerin Corinne Güdemann ihre ganze Aufmerksamkeit widmen. Dort, wo sich bis zur Renovation der Kirche der Beichtstuhl befand, befindet sich nun ein grosses Fresko. Es zeigt acht namenslose Frauen dieser Zeit aus verschiedenen Generationen und mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Sie unterhalten sich bei Wein und Brot.

Corinne Güdemann sagt über ihr Werk: «Das Bild der acht Frauen die am Tisch sitzen, bezieht sich auf die Abendmahlsituation. Ich habe es hinter den Verputz zurückversetzt, als wäre es ein wieder gefundenes Fresko aus einer früheren Zeit.» – Es geht um Frauen, die es wieder zu entdecken gilt. 

Verschwiegen, vergessen, unbenannt

Darum geht es im zweiten Teil des Werkes. Die Blicke der Besucher dieser Vernissage richten sich auf die Kassetten der Empore der Kirche, in die hellgelb die Abendsonne scheint. Auf dem nachempfundenen Marmor hat Corinne Güdemann auf kunstvolle Weise die Namen von im Neuen Testament verbürgten christlichen Amtsträgerinnen eingeschrieben.

Darunter finden sich die Diakonin Phoebe, Junia, eine namenlose Prophetin, die Jüngerin Maria von Magdala und die Missionarin Martha. Ebenso die Missionarin Priska, die Gemeindeleiterin Lydia und die Märtyrerin Thekla. Einige Frauen werden in der Bibel wohl erwähnt, aber oft verschwiegen. Auch die Zürcher Künstlerin hat ausser Maria von Magdala zuvor keine anderen wichtigen Namen wahrgenommen.

Starke Frauen prägten junge Kirche

Starke Frauen, erfahren Interessierte aus der ausgelegten Broschüre, haben in den Anfängen der Kirche eine wichtige Rolle gespielt. Es gab Apostelinnen, Missionarinnen und Gemeindeleiterinnen. Mit der markanten Schriftwahl möchte sie zum Ausdruck bringen, dass diese Frauen nicht wieder in Vergessenheit geraten sollen.

Alle acht Frauen aus dem frühen Christentum sind Corinne Güdemann mittlerweile ans Herz gewachsen. Auch, weil sie sich beim Erschaffen dieses Werkes über sie näher informiert habe. Das sei nicht immer einfach gewesen.  »Über einige Frauen weiss man sehr wenig, weil sie meist nur in einem Nebensatz erwähnt oder gar verschwiegen werden.» 

Eine Figur, die Corinne Güdemann besonders berührt, ist die Apostelin Junia, aus der in Bibelübersetzungen später der Apostel Junias wurde. «Es war mir nicht klar, dass sich hinter diesem Namen eine Frau verbirgt. Eine spannende, aber auch eine tragische Geschichte.» In der Einheitsübersetzung der Bibel von 2016 wurde aus Junias dann wieder Junia.

Warum es dieses Denkmal braucht

Corinne Güdemann hält im Gespräch mit kath.ch über ihre Beweggründe für dieses Werk fest: «Ich verstehe nicht, wenn eine Frau heute nicht feministisch unterwegs ist.» Deshalb stosse ihr auch auf, «dass die katholische Kirche vermutlich die einzige Institution in der westlichen Welt ist, die Frauen offiziell bis heute diskriminiert».

Als Künstlerin habe sie zudem einen kulturhistorischen und kunstgeschichtlichen Bezug zur katholischen Kirche und deren sakralen Kunst.

Unterstützerinnen gefunden

Während der Vernissage trifft Corinne Güdemann die Theologinnen Jutta Achhammer Moosbrugger und Elke Kreiselmeyer. Beide sprechen während dieses Anlasses passende Impulstexte, die sich um starke Frauen in der Kirche drehen und treten dabei teilweise miteinander in den Dialog. Beide Theologinnen traten im Vorfeld als starke Befürworterinnen von Corinne Güdemanns Werk auf. 

Elke Kreiselmeyer, Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Stephan in Therwil, erzählt im Gespräch mit kath.ch über die Beweggründe ihres Engagements: «Es hat viel damit zu tun, dass für mich als junge Frau und auch als Mädchen die Zurücksetzung in der katholischen Kirche schmerzvolle Erfahrungen waren.»

Während ihres Theologiestudiums habe sie festgestellt, dass Vieles nicht mit ihrer katholischen Erziehung übereinstimme. Die gebürtige Würzburgerin spielt dabei Dinge an wie starke Frauen in der Kirche, die bewusst verschwiegen werden sollen. Die Künstlerin Corinne Güdemann sagt über die beiden Theologinnen: «Sie wollen innerhalb der Institution an der Basis etwas verändern. Das finde ich sehr mutig.»

«Ein Meilenstein»

Kunsthistoriker Johannes Stückelberger hält in seinem Redebeitrag fest, dass es sich bei diesem Anlass nicht um eine Vernissage im eigentlichen Sinne handele, sondern um eine «Begrüssung der acht Frauen»: «Das Werk von Corinne Güdemann steht jetzt schon in Bezug zu dem, was in diesem Raum passiert und gelebt wird.»

Kirchgemeindepräsident Ruedi Baltisberger fügt hinzu: «Es ist ein Meilenstein für uns und ein festlicher Abschluss der Aussen- und Innensanierung dieser Kirche.» Er sei sich sicher, dass dieses Kunstwerk zum Nachdenken anregen werde.

Tischgemeinschaft feiern

Elke Kreiselmeyer zeigt sich an der Vernissage als fulminante Predigerin. Sie erinnert in ihren Worten daran, wie sehr die Kirche auf das Wirken mutiger Frauen damals bauen könne. Frauen «die den Mund aufgemacht haben und für ihre Rechte gekämpft haben».

Das sei auch noch heute dringend nötig. Denn die Welt sei auf Vielfalt angelegt und auf den Reiz der Verschiedenheit, die die gegenseitige Anziehungskraft und das schöpferische Wirken überhaupt erst möglich mache: «Leben entsteht schliesslich genau aus dieser lustvollen Begegnung.» 

Während der Vernissage steht ein langer Tisch im Mittelgang, auf dem sich Gläser und Brote für die Gäste dieses Anlasses befinden. Und während der Anlass noch ausklingt, ruft Theologin Jutta Achhammer Moosbrugger aus: «Jetzt wollen wir alle Tischgemeinschaft feiern!» Auf ihre eigene Art und Weise sind nun auch die acht Frauen auf der Empore und im Fresko mit dabei.