Aktuelle Nummer 06 | 2021
14. März 2021 bis 27. März 2021

Schwerpunkt

Dekanatsbibliothek Buchsgau

von Theresia Gehle

Die geschichtsträchtige Dekanatsbibliothek befand sich bis 2011 im Pfarreiheim Kestenholz. Sie umfasste rund 4000 Bücher kirchlichen und weltlichen Inhalts aus der Zeit zwischen 1500 und 1900. Vor zehn Jahren gingen diese als Geschenk in das Eigentum der Zentralbibliothek ­Solothurn über. Mit der Übernahme verpflichtete sich die Zentralbibliothek, diese sicher und ­sachgemäss aufzubewahren, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu katalogisieren und über elektronische Informationssysteme und Publikationen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. 

Doch, was war geschehen, dass diese zahlreichen historischen Bücher aus dem ehemaligen Dekanat Buchsgau einem neuen Standort zugeführt werden sollten?

Standort Pfarrei Kestenholz
Standort der Bibliothek war seit jeher die Pfarrei Kestenholz. Das alte Pfarrhaus wurde zwar in ein Pfarreiheim umgebaut, aber die Bibliothek blieb erhalten. Dann zog der Kirchenrat von Kestenholz eine Renovierung und neue Nutzungsmöglichkeiten des Pfarreiheims für die kommenden Jahre in Betracht. Die schön geordnete, in weissen Schränken sichtbare Dekanatsbibliothek würde dann keinen Platz mehr in den Räumlichkeiten des Pfarreiheims finden und müsste daher für die Zukunft geräumt werden. Das damalige Dekanat Buchsgau – bestehend aus den Seelsorgenden der Bezirke Thal und Gäu – musste entscheiden, was mit den vielen wertvollen Büchern geschehen sollte. Verschiedene Optionen kamen in Betracht: Vielleicht wäre es sinnvoll, diese Bücher im Bistumsarchiv zu deponieren oder aber mit einem Antiquariat Kontakt aufzunehmen, um diese Bücher zu verkaufen und die Finanzen an sinnvolle Projekte weiterzuleiten. Oder sollte diese bemerkenswerte Bibliothek schlussendlich doch im Dekanat Buchsgau verbleiben und es müsste ein neuer Standort gefunden werden? Es gäbe aber sicher auch noch die Möglichkeit, den Heimatschutz für eine Aufbewahrung der Bücher anzufragen. Nach intensivem Austausch kam ein Verkauf der Bücher für das Gremium nicht in Frage. Man war sich einig, dass die Einheit dieser Bibliothek als Ganzes bewahrt und der Nachwelt zur Verfügung gestellt werden sollte. 

Standort Zentralbibliothek ­Solothurn
Schliesslich wurde die Bibliothek vom damaligen Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung Herrn Dr. Urban Fink-Wagner vor Ort begutachtet und ein Kontakt mit der Zentralbibliothek Solothurn hergestellt. Der noch heute zuständige Leiter für Sondersammlungen, Herr Ian Holt, war sofort von der Fülle und der vielen vollkommen erhaltenen Bestände der Bücher beeindruckt. Bei der Schnelldurchsicht entdeckte er beispielsweise ein «Catholicon», eine Art Wörterbuch zur Bibel von 1490. Verfasser dieses Buches war der Dominikaner Johannes Balbus, und es wird als «Inkunabel» bezeichnet, weil es im pionierhaften Wiegendruck hergestellt wurde. Er fand zudem eine «Dietenberger-Bibel» aus dem Jahre 1587. Diese Bibelausgabe gilt als erste katholische Bibel, die auf Deutsch herausgegeben wurde. Sie wurde in Köln gedruckt und war eine Antwort auf die Lutherbibel. 

Die damalige Direktorin für wissenschaftlichen Bestände und Sammlungen der Zentralbibliothek, Frau Verena Bider, leitete eine Übernahme dieser Bibliothek als Ganzes in die Wege. 2011 wurde schliesslich in einer Vereinbarung zwischen der Zentralbibliothek Solothurn und dem Dekanat Buchsgau die Übergabe besiegelt. Nach nunmehr zehn Jahren ist der grösste Teil des Bestands – die Bücher mit Erscheinungsjahr bis und mit 1800 – vollständig katalogisiert. Die Bände sind nach Formaten aufgestellt und im speziell gesicherten und klimatisierten Tiefmagazin der Zentralbibliothek untergebracht. Die jüngeren Bestände sind in einem anderen Magazin aufgestellt. Diese bestehen vor allem aus Zeitschriften, die bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ab-
schliessend bearbeitet werden konnten. 

Die zahlreichen Bücher des ehemaligen Dekanats Buchsgau haben somit ein «neues Zuhause» gefunden und können im Lesesaal der Zentralbibliothek Solothurn eingesehen werden.

Historische Bedeutung der Bibliothek
Das Dekanat Buchsgau bestand als einziges im Kanton Solothurn seit dem Mittelalter. Die anderen Dekanate waren erst als Folge der neuen Bistumsgrenzen im 19. Jahrhundert geschaffen worden. Der Buchsgauer Kirchenbezirk war ein sogenanntes «Landkapitel». Es bildete sich nicht um ein kirchliches oder städtisches Zentrum mit entsprechenden Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen. Das machte es entsprechend schwierig, etwas für die Weiterbildung der Landpfarrer zu tun, insbesondere da die Kommunikations- und Reisemöglichkeiten nur sehr eingeschränkt möglich waren. Die einzige Bildungseinrichtung in der Nähe war ihre gemeinsame Bibliothek. Sie war eine Art Studienzentrum der Geistlichkeit des Landkapitels. Hier konnten sie sich informieren, in neue Literatur vertiefen und sich untereinander über die gewonnenen Einsichten austauschen. Die Bücher, die für eine solche Bibliothek angeschafft wurden, zeigten deshalb, mit welchen pastoralen, theologischen oder zeitgeschichtlichen Fragen sich die Pfarrer damals beschäftigt haben. In der Buchsgauer Dekanatsbibliothek sind diese Buchbestände seit dem 15. Jahrhundert erhalten geblieben. Sie dokumentiert den Wissensstand und das Bildungsinteresse der Seelsorger in den verschiedenen Jahrhunderten. Dadurch wird die Bibliothek zu einem einmaligen Zeugnis der geistesgeschichtlichen Entwicklung unserer Region. Ian Holt stellte zur Bibliothek des Dekanats Buchsgau in Kestenholz SO fest: «Der Bestand ist in seiner Qualität, in seinem Umfang und aufgrund eines hohen Alters von bis über 500 Jahren bemerkenswert. Über die Summe der teilweise antiquarisch sehr wertvollen Bücher hinaus ist die Bibliothek aber vor allem ihrer Vollständigkeit wegen bedeutend. An dem Bestand lässt sich die ununterbrochene geistig-intellektuelle Entwicklung des Dekanats und seiner Pfarrer von der Frühaufklärung bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs ablesen. Die Dekanatsbibliothek ist für das Bistum Basel und den Kanton Solothurn gleichermassen von höchster historischer und kultureller Bedeutung.»  

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Theresia Gehle ist Gemeindeleiterin der Pfarrei Kestenholz/SO

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Dekanat Buchsgau 

Ein Dekanat ist ein kirchlicher Amtsbezirk innerhalb des Bistums. Es umschreibt eine Region aus mehreren Pfarreien mit dem Zweck, die Pastoral zu koordinieren, regionale Spezialseelsorgestellen einzurichten und für die Weiterbildung der Seelsorgerinnen und Seelsorger zu sorgen. Im Jahr 2018 hat Bischof Felix Gmür die Dekanate im Bistum Basel aufgehoben. Ihre Aufgaben werden von den Pastoralräumen und den regionalen Bischofsvikariaten übernommen. Damit ging auch die gut 1000-jährige Geschichte des Landkapitels Buchsgau zu Ende. Es war das südlichste Dekanat des alten Bistums Basel. Der Buchsgau erstreckte sich zwischen Jura und Aare von Gänsbrunnen bis Erlinsbach und umfasste ursprünglich auch das Bipperamt. Die Namen der Buchsgauer Dekane können bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Die Anfänge der Dekanatsstrukturen gehen jedoch bis ins 9. Jahrhundert zurück. 1915 wurde die Region Olten-­Gösgen abgetrennt. Das Dekanat Buchsgau umfasste nur noch die Solothurner Bezirke Thal und Gäu. (ksc)