Aktuelle Nummer 24 | 2021
21. November 2021 bis 04. Dezember 2021

Editorial

1700 Jahre Sonntag

Vor 1700 Jahren proklamierte der römische Kaiser Konstantin den Sonntag als arbeits- und gerichtsfreien Tag. Der Sonntag war nicht nur arbeitsfrei, sondern wurde auch zum «Tag des Herrn», was durch den Sonntagsgottesdienst verwirklicht wird.

Der christliche Sonntag wurzelt im Sabbatgebot des Alten Testaments. Gott schränkt damit das Nutzungsrecht des Menschen über die übrige Schöpfung ein, das für die vorherigen sechs Tage gilt. Gott selbst ruhte am siebten Tag und erklärte ihn für heilig (Gen 2,3). In Ex 20,8–11 wird betont, dass die Ruhe für alle am Arbeitsprozess Beteiligten gilt, denn wir sind nach der Arbeit auf Ruhe angewiesen. «So ist der siebte Tag die Grenze, die die Menschen daran hindert, Arbeit und eigene und fremde Arbeitskräfte hemmungslos auszunützen. Masslosigkeit von Produktion und Arbeit ist unmenschlich und gottlos» (P. Adrian Schenker OP, 1986).

Die Judenchristen feierten im Gedenken an die Schöpfungsgeschichte am Samstag den Sabbat. Die Heidenchristen verlegten diesen Ruhe- und Gebetstag auf den achten bzw. den ersten Tag der Woche als Erinnerung und Vergegenwärtigung der Auferstehung Jesu Christi. Der Sonntagsgottesdienst ist allwöchentlich eine kleine Osterfeier und ein gelebtes Glaubensbekenntnis. Es ist das Verdienst des Christentums, mit dem Sonntag und dem damit verbundenen Gottesdienst den Menschen immer wieder ein neues Lebensgefühl zu schenken, was es so vor dem Christentum nicht gab.

Die Einhaltung der Sonntagsruhe und der Besuch des Sonntagsgottesdienstes waren und sind aber immer auch gefährdet: politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Heute sind wir persönlich vielleicht die grösste Gefahr für den Sonntag, wenn wir uns diesen Tag nicht (mehr) gönnen. Ausruhen, Atem schöpfen, Gottesdienst und Gemeinschaft erleben, Leere und auch Langeweile spüren sind Erlebnisse und Gefühle, auf die wir angewiesen sind. Der Sonntag ist wegen des Sonntags zu schützen – nicht nur, aber auch wegen des gemeinschaftlichen Gottesdienstes.

«Sich des Herrn zu freuen ist das heimliche Ziel jeder Freude» (Alois Müller, 1986).

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Urban Fink-Wagner