Aktuelle Nummer 02 | 2022
02. Januar 2022 bis 29. Januar 2022

Schwerpunkt

Der Stern von Bethlehem

von Kuno Schmid

Sterne gehören zu Weihnachten. Sie werden am Weihnachtsbaum oder über der Krippe aufgehängt, sie werden auf vielfältige Art gebastelt und verziert, gebacken und verschenkt. Unabhängig von ­religiösen Einstellungen verbinden Menschen die Sterne mit dem Fest. Insbesondere der Stern von Bethlehem, dargestellt mit einem Schweif, ist quasi zu einem Markenzeichen der Weihnachts­geschichte geworden. Im Matthäusevangelium wird erzählt, dass Gelehrte aus dem Orient einem Stern gefolgt sind, der sie zum göttlichen Kind geführt hat. 

Damals und heute fragen sich Menschen, was das für eine eigenartige Erscheinung am Himmel gewesen sein mag, wie das Phänomen zu ­erklären sei, wie der Stern wohl ausgesehen habe und was er bedeute. 

Die Suche nach Erklärungen
Manche sagen, es seien Sternschnuppen gewesen. Sie entstehen, wenn kleinere Gesteinsbrocken in der Atmosphäre verglühen. Solche Sternschnuppen sind jedoch häufig zu beobachten und gelten nicht als aussergewöhnliche Ereignisse. Es braucht keine besondere Gelehrsamkeit, um sie zu erkennen. Deshalb ist schon früh vertreten worden, dass es sich beim Bethlehemstern eher um einen Kometen handle. Bei Kometen wie beim Komet Halley kann so eine Art Schweif beobachtet werden. Der Bethlehemstern wird denn auch seit dem Spätmittelalter mit Schweif dargestellt. In der Antike haben Kometen jedoch als Vorboten von Unheil gegolten. Ihr Erscheinen ist von den damaligen Sterndeutern genau beobachtet und aufgeschrieben worden, um gegen allfällige Seuchen oder Hungersnöte Vorkehrungen treffen zu können. Ein Komet passt demnach schlecht zur Geburt des göttlichen Retters. Für die Zeit der Geburt Jesu ist auch keine entsprechende Kometenerscheinung bekannt. Ebenfalls ist in dieser Zeit von keiner Supernova berichtet worden, einem hellen Aufleuchten eines verglühenden Sterns. 

Jupiter und Saturn
Der Astronom Johannes Kepler (1571– 1630) hat die Beobachtung gemacht, dass die Planeten Jupiter und Saturn auf ihren Umlaufbahnen alle zwanzig Jahre optisch nahe hintereinander stehen und dadurch als helles Licht erstrahlen. Alle 258 Jahre treffen sie im selben Jahr sogar dreimal aufeinander. Astronomen haben dann berechnet, dass im Jahre 7 v. Chr. eine solche dreifache Konjunktion beobachtet werden konnte, und dass dies wohl das Phänomen gewesen sei, das die Weisen zum Aufbruch bewegt habe. Unterstützung hat diese Theorie bekommen, nachdem in Babylon bei Ausgrabungen zweitausend Jahre alte Tontafeln gefunden und entziffert worden sind, die diese dreifache Begegnung von Jupiter und Saturn beschreiben. Diese Schrifttafeln charakterisieren Jupiter als den Schutzgott der Könige und Saturn als Schutzgottheit des Volkes im Westen. Daraus könnte geschlossen werden, dass ein neuer König im Westen, in Israel, geboren sei. Jedoch haben die Sterndeuter des Altertums damals klar zwischen Planeten und Sternen unterscheiden können und  bei ihrer Himmelsbeobachtung nicht von einem «Stern» ­gesprochen. Trotzdem ist dieser Erklärungsversuch noch am ehesten plausibel. Vielleicht hat sich aber der Evangelist Matthäus die Spekulationen um Gestirne und Planetenkonstellationen seiner Zeit einfach katechetisch zunutze gemacht, um die Ankunft des Messias zu verkünden.  

Unterschiedliche Perspektiven
Während bei den orientalischen Kulturen die Gestirne beobachtet, berechnet und als Gottheiten verehrt worden sind, haben sie in der Religion Israels keine grosse Bedeutung. Fast spottend berichtet der erste Schöpfungsbericht, dass Gott die Gestirne wie Lampions an den Himmel hängt. Israel erwartet sein Heil allein von Gott und nicht vom Gang der Sterne. Himmel und Erde sind längst entzaubert und säkularisiert. Die Geburt des Messias muss deshalb nicht mit Himmelsereignissen verknüpft werden. Schon Johannes Kepler hat empfohlen, das Ereignis der göttlichen Geburt von Bethlehem nicht mit natürlichen Himmelserscheinungen erklären zu wollen. Denn Glaube und Wissenschaft bewegen sich auf verschiedenen Ebenen. Die Astrophysik hat einen anderen Blick auf die Wirklichkeit als die Theologie. Als Naturwissenschaft weiss die Astrophysik heute viel und immer mehr über die Zusammenhänge im Universum, über das Entstehen und Verschwinden von Sternen, über Galaxien und schwarze Löcher, über all das, was sich beobachten und berechnen lässt. Gott kommt da höchstens als Lückenbüsser für vorläufig ungeklärte Fragen vor. Ein solcher ferner Gott jenseits des Urknalls hat aber nicht viel gemeinsam mit dem Gott, der in der Krippe Mensch geworden, und uns in Jesus nahe und erfahrbar geworden ist.  

Die Physik kennt aber auch die Grenzen ihrer Wissenschaft, denn beispielsweise Fragen des Zusammenlebens, der Gerechtigkeit und des Sinns werden von ihren Kategorien nicht erfasst. Menschliche Erfahrungen wie Freude und Trauer, Liebe und Vertrauen, Hoffnung und Angst sind nicht messbar und können nur in einem übertragenen Sinn beschrieben und erfasst werden, so wie es die Sprachen der Poesie und des Glaubens tun. Nur in Bildern, Metaphern und Symbolen können religiöse Dimensionen ausgedrückt werden. Hierher gehört der Stern von Bethlehem als ein symbolisches Motiv, das die Geburt von Bethlehem als universale Heilsbotschaft repräsentiert. 

Gemeinsam ist das Staunen
Der renommierte ETH-Astrophysiker Arnold Benz sagt, die Theologie und die Physik begegnen sich im Staunen. Eine neue Entdeckung oder die Betrachtung des Sternenhimmels lasse auch den Physiker ahnen, dass die Wirklichkeit grösser sei als das, was berechnet oder beschrieben werden kann. In der Faszination und Schönheit lassen sich Wissenschaft und Glauben zueinander in Beziehung setzen, ohne sich zu vermischen. Entstehen und Vergehen, Leben und Sterben betreffen die Welt und das Menschsein genauso wie die Sterne und das Universum insgesamt. Das Staunen führt zu den grossen Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Perspektiven und Sinn, gerade weil das universale Zusammenspiel so komplex und zufällig erscheint. Es ist erstaunlich, wie viele Faktoren ideal zusammenwirken, damit hier auf dem Planeten Erde Leben entstehen kann, und wie wenig es braucht, um alles aus dem Gleichgewicht zu bringen und dieses Leben wieder zu gefährden. Diesen gros
sen Horizont des Staunens und Fragens spannt symbolisch der Stern von Bethlehem auf. Gleichzeitig führt er die Sterndeuter dazu, ihren Blick von oben nach unten zu wenden, von der Grösse des Sternenhimmels zum Kind in der Krippe, wo im Kleinen das grosse Geschenk das Lebens neu beginnt. 

Der Stern weist den Weg
Der symbolische Weihnachtsstern lädt dazu ein, den Blick auf das neue Leben zu richten, das in eine lebensfeindliche Welt geboren wurde und immer neu geboren wird. Die Geburt eines Kindes ist Hoffnung und eine Spur für die Sinnsuche, sie ist Motivation für den Wandel zugunsten des Lebens. Gewalt und Flucht, Krankheiten und Klimakrise können diese Hoffnung nicht aufhalten. Der Stern lädt auch Menschen von ausserhalb der Glaubensgemeinschaften ein, sich neu zu orientieren. Er will in der Gesellschaft ebenso leuchten wie in jedem Menschen. Dabei muss er sich gegen die ­Ansprüche der Herodianer unserer Zeit und unserer eigenen Psyche wehren. ­Erwartungen, Normen und Gewohnheiten, Machtansprüche, Leistungsdenken und Profitstreben behindern oft den Anbruch neuen Lebens. Der Stern lockt auch heute, sich aufzumachen und sich für das Kind, für das Neue, für die unsichere Zukunft, für das Leben zu entscheiden. Nicht astronomische Erklärungen machen die Bedeutung des Sterns von Bethlehem aus, sondern sein Ruf, ihm zu folgen, hin zum göttlichen Kind in der Welt und im eigenen Herzen.