Editorial

Das Sonntagsritual

«Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung», sang 1973 das schnucklige Paar Cindy & Bert. Ein Schlager, der bis heute zum Mitsingen anregt. Zwar geht es in diesem heiteren Liedchen nicht um ein Sonntagsritual, doch es wird ein Sonntag beschrieben, an dem die Menschen singen und glücklich sind. Ja, der Sonntag ist wahrlich eine geniale Erfindung. Immer wieder hat man versucht, ihn abzuschaffen oder durch einen anderen Wochenrhythmus zu verunmöglichen, der Sonntag hat sich jedoch wacker gehalten. Erst das schnelle und mobile 20. Jahrhundert hat dem Sonntag massiv zugesetzt. 

Würde man aktuell eine repräsentative Umfrage zur Bedeutung des Sonntags lancieren, dann wäre man vermutlich über die Vielfältigkeit der Antworten erstaunt. «Jeder soll tun, was er will», würde wohl der breitspurige Grundkonsens lauten. Doch es ist nicht zu übersehen: Der Sonntag hat in unserem Kulturkreis in den letzten Jahrzehnten massiv an Kontur verloren. Der Sonntag ist der Tag, an dem man ausschlafen kann, am Sonntag hat das Brunch-Ritual den Kirchengang verdrängt, oder nach einer englischen Definition: Der Sonntag ist der Tag nach dem Fussballspiel. Der christliche Sonntag ist vielerorts bereits bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. Ich gebe es gerne zu: Wenn es um die Sonntagsfrage geht, so erscheint mir der jüdische Sabbat als hehres Ideal, wie der siebte Tag eigentlich zum Höhepunkt der Woche werden könnte. Der jüdische Philosoph Abraham Joshua Heschel schreibt dazu: «Vielleicht ist der Sabbat der Begriff, der das Judentum am deutlichsten charakterisiert. [...] Den Sabbat feiern heisst, die totale Unabhängigkeit von Zivilisation und Gesellschaft, von Leistung und Streben erfahren. Der Sabbat ist die Verkörperung dessen, dass alle Menschen gleich sind und dass die Gleichheit der Menschen untereinander den Adel des Menschen ausmacht.»

Das hebräische Wort «Sabbat» bedeutet wörtlich «aufhören». Eine heilsame Unterbrechung des rastlosen Alltagsbetriebs. Ohne bei der Reglementierung dieses Ruhetages in fanatische Detailbesessenheit zu verfallen, scheint ein rituell und sozial fundiertes Innehalten eine solidarisierende und egalisierende Wirkung zu erzielen. Ich freue mich auf jeden Fall auf jeden Sonntag, an dem mir eine gewisse Ritualisierung Ruhe und Zufriedenheit verschafft.

Herzliche Grüsse 
Reto Stampfli