Editorial

Luxusfasten

Vor ein paar Tagen fiel mir in einer deutschen Kirchenzeitung ein Inserat auf, in welchem ein 10-tägiger Fastenkurs angeboten wird, der Ende Februar in einer Klinik im Württembergischen abgehalten werden soll. Die Ausschreibung an und für sich erstaunte mich nicht; es war eher der Umstand, dass dieser «Enthaltsamkeitsanlass» satte 2100 Euro kostete. 2100 Euro buchstäblich für nichts – ging es mir durch den Kopf – wer ist schon so naiv und legt so viel Geld aus, um sich über eine Woche lang massiv einzuschränken? 

Klar, ich habe auch meine Erfahrung mit dem Heilfasten und bin mir bewusst, dass mit dem gesteuerten Nahrungsentzug nicht zu spassen ist. Am besten ist es, sich einer Fastengruppe unter Leitung eines erfahrenen Fastenleiters anzuschliessen. Doch solche kostspieligen Fastenwochen und medizinisch geleitete Kuren bleiben noch immer die Ausnahme. Viel eher wird man sich für einen einfacheren Weg entscheiden. Ein Weg, der keine Selbstgefährdung darstellt und zu keinen Extremen neigt. «Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mässig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente!», wusste schon vor 2500 Jahren der griechische Mediziner und Philosoph Hippokrates zu berichten. Der freiwillige Nahrungsentzug wirkt nicht nur verjüngend und regenerierend. Auch die medizinische Bedeutung wird immer klarer. Denn Fasten wirkt wie ein – heilsamer – Schock auf den Körper. Er stellt die Physiologie auf den Kopf und löst ganze Kaskaden von biochemischen Reaktionen aus. Der eigene Kopf muss sich selbst darüber klar werden, dass unser Körper ab und zu eine Schonzeit bitter nötig hat. Diese Einsicht hat körperliche, aber auch mentale Folgen. Fasten ist mehr als Nichtessen. Es weckt Sehnsucht nach einem veränderten Leben. Indem wir uns selber ein wenig aus dem gesellschaftlichen Schussfeld nehmen und durch die Einschränkung unseres Lebensstils auch Solidarität mit Armen, Ausgegrenzten und Hungernden erfahren können, profitiert auch unser Körper durch Entschlackung und geringere Belastung. Denn Fasten fasziniert und erschreckt zugleich; es zieht an und stösst ab; es scheint vernünftig und ist doch schwer zu verstehen. Bewusstes und sinnvolles Fasten ist jedoch grundsätzlich eine phänomenale Methode, die in den meisten Fällen auch keine Kosten verursacht.

Mit freundlichen Grüssen
Reto Stampfli