Schwerpunkt

Der Papst und der Präsident

von Reto Stampfli

Der sich anbahnende Konflikt zwischen der US-Regierung und Papst Leo wirft eine ­altbekannte Frage neu auf: Wie aktiv darf das Kirchenoberhaupt in politischen Belangen sein? Ein Muster, in dem sich ein jahrhundertealter Streit widerspiegelt.  

Die Wahl von Papst Leo XIV. im Mai 2025 hat viel Ausserordentliches mit sich gebracht: Der 69-Jährige ist der erste Vertreter des Augustinerordens auf dem Stuhl Petri, zwar nicht der erste Papst aus Amerika, aber der erste aus dem Norden des Kontinents. Er ist ein Ordenspriester, der in zwei Kulturen zu Hause ist und nebst der pastoralen Basisarbeit auch die anspruchsvollen Leitungsfunktionen kennt. Als US-Amerikaner ist er auch das erste katholische Kirchenoberhaupt seit Jahrhunderten, das sich einem Landsmann als dem «mächtigsten Mann» der Welt gegenübersieht. Eine delikate Konstellation, in der es in den ersten Monaten unspektakulär und ruhig geblieben ist. Doch seit Mitte April hat sich die Tonart verschärft. In der Welt­öffentlichkeit vollzieht Papst Leo XIV. gerade eine bemerkenswerte Wandlung: Vom diplomatischen Friedensprediger entwickelt er sich in erstaunlicher Geschwindigkeit zur gefragten moralischen Instanz. 

Ein amerikanischer Weltbürger
Um Papst Leos Haltung und seine Vorgehensweise zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf seine Biografie. Robert Francis Prevost wurde am 14. September 1955 in der Metropole Chicago in eine internationale Familie hineingeboren: Der Vater war französischer und italienischer Abstammung, die Mutter spanischer Herkunft. An der Universität von Pennsylvania legte er 1977 sein Examen in Mathematik und Philosophie ab. Früh trat er in die Ordensgemeinschaft der Augustiner ein. Im Alter von 27 Jahren wurde er nach Rom geschickt, um am Angelicum Kirchenrecht zu studieren. Nach einer kurzen Rückkehr in die USA wirkte er elf Jahre lang in der Erzdiözese Trujillo in Peru, wo er die pastorale Betreuung einer Pfarrei in einem armen Randbezirk der Stadt übernahm. 2001 wählten ihn seine Mitbrüder auf dem Ordentlichen Generalkapitel des Augustinerordens zum Generalprior. Im Oktober 2013 kehrte er in seine Augustinerprovinz in Chicago zurück, bis ihn Papst Franziskus ein Jahr später als Titularbischof von Sufar in den Stand eines Bischofs erhob. Papst Leo ist also von seiner Abstammung her ein US-Amerikaner, der sich auch in anderen Kulturen zu Hause fühlt; ein, dem einfachen Leben verpflichteter Ordensmann, der als Kardinal die Vati­kanbehörde für Bischöfe, quasi die Personalabteilung der katholischen Weltkirche, leitete. 

Verbale Eskalation
Nach der überraschenden Wahl eines Amerikaners, stellte sich schon bald die Frage, wie der Austausch zwischen Papst Leo und dem amtierenden US-Präsident vonstattengehen würde. Dabei stehen sich zwei grundlegend unterschiedliche Menschen gegenüber, deren einzige augenfällige Gemeinsamkeit der US-Pass ist. Zu einem direkten Treffen kam es bislang jedoch nicht und wird es vermutlich in nächster Zeit auch nicht kommen. In den ersten Wochen nach der Wahl wurde darüber georakelt, ob Papst Leo für die USA unter Trump eine ähnliche Wirkung entfalten könnte wie Johannes Paul II. seinerzeit in Polen und dem Ostblock. Doch die Situation ist eine völlig andere, obwohl auch in der USA Religion und Glauben eine zentrale Rolle spielen. Seit zwei Wochen sorgt jedoch nun ein sich vertiefender Riss zwischen dem Weis­sen Haus und dem Vatikan für Schlagzeilen. ­Ausgehend von Berichten über ein «angespanntes Treffen» im Pentagon im Januar, gipfelte die Verstimmung in den vergangenen Tagen in niveaulosen Tiraden in den sozialen ­Medien. Die religiöse Selbst­inszenierung von US-Präsident Donald Trump hat den Konflikt mit der katholischen Kirche auf einen vorläufigen Höhepunkt getrieben und auch einen Teil seiner Wähler verunsichert. Während Papst Leo XIV. die Contenance wahrt, schaut die US-Öffentlichkeit mit wachsender Irritation auf ihren Präsidenten.

Ein Anti-Trump?
Besonnen und zurückhaltend – so zeigte sich Leo XIV. nach seiner Wahl zum Papst vor einem Jahr. Das galt auch für seine Reden bei seinen ersten Auslandsbesuchen in der Türkei, im Libanon und in Monaco. Als «Anti-Trump» hat sich der Diplomat Leo – erwartungsgemäss – nicht positioniert. Der Konflikt zwischen dem Vatikan und der US-Regierung begann mit Trumps Abschiebepolitik, die auch US-Bischöfe kritisiert hatten. Der offene Bruch erfolgte dann mit dem Iran-Krieg: Trump rechtfertigt ihn, wie auch andere US-Entscheidungsträger, mit religiösen Bezügen. Papst Leo XIV. hielt ungewohnt scharf dagegen. Bei seinem Besuch in Kamerun bemerkte er: «Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen zerstört» und verurteilte Kriegstreiberei, ohne Namen zu nennen. Trump fühlte sich jedoch getroffen, warf dem Papst Einmischung und Schwäche vor. Trumps Vizepräsident, JD Vance, ein spätberufener Katholik, legte nach und riet dem Papst, vorsichtig zu sein und nicht über Dinge zu sprechen, von denen er nichts verstehe. Damit geriet der Papst immer mehr in die Rolle eines «Anti-Trumps», obwohl er sich diese nicht ausgesucht hatte.

MAGA-Kirche
Der britische Journalist Austen Ivereigh, ein enger Vertrauter und Biograf des verstorbenen Papst Franziskus, warnte bereits zu Jahresbeginn vor einem MAGA-Christentum, das sich von der traditionellen christlichen Lehre abspalte. In der «Frankfurter Rundschau» resümierte er unlängst: «Ich denke, es gibt bereits eine MAGA-Kirche – in dem Sinne, dass viele US-amerikanische Christen – einige Katholiken, mehrheitlich Evangelikale – eine Reihe von Ideen übernommen haben, die mit der orthodoxen katholischen Lehre unvereinbar sind.» Als Beispiel erwähnt er den christlichen Zionismus, der die Gründung Israels als göttliches Gebot betrachtet und als Idee in den USA erheblichen Einfluss hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Trump Druck auf die katholische Kirche in seinem Land ausüben wird. Einige Institutionen mussten das bereits erfahren. Doch das könnte zu einer Solidarisierung der Religionsgemeinschaften untereinander führen. Dazu kommt, dass auch Trump-Unterstützer in den Reihen der katholischen Kirche den US-Präsidenten nach seiner Papstschelte kritisierten. 

Die Kolonnen des Papstes
Der Papst wird gerne belächelt. Was soll der fromme Mann mit seinem Zwergstaat ausrichten können? Die Zeiten des militärisch gerüsteten Kirchenstaates sind seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorbei. Doch die Macht des Papstes liegt nicht in Divisionen, sondern in seiner moralischen Autorität und einem Einfluss auf die Katholikinnen und Katholiken weltweit, der zwar nicht gemessen werden kann, aber auch nicht unterschätzt werden darf. Die moralische Autorität ist die Stärke des Papstamts. Die speist sich auch aus der politischen Unabhängigkeit. Der Papst fühlt sich der Menschenwürde verpflichtet, einer am Gemeinwohl und einer nachhaltigen Entwicklung orientierten Gesellschaftsordnung, im Kleinen wie global. Beim aktuellen Konflikt fühlt man sich in die unguten Zeiten des Investiturstreits zurückversetzt, einem gros­sen Machtkonflikt im Mittelalter zwischen weltlicher und kirchlicher Autorität. Im April 2026 sorgte Donald Trump für Aufsehen, als er aufgrund der politischen Differenzen das historische «Avignon-Papsttum» erwähnte – eine Phase im 14. Jahrhundert, in der französische Könige massiv Einfluss auf die Päpste ausübten. Beobachter werteten dies teils als Drohung, doch Papst Leo wirkt weiterhin angstfrei und bedacht. Mit Blick auf US-Präsident Donald Trump erinnerte der Papst daran, dass dieser seinen Bruder Louis Prevost im Weissen Haus empfangen und ihn als «guten Kerl» bezeichnet habe. Dazu Leo XIV. im Originalton: «Wir Brüder sind uns trotz politischer Unterschiede sehr nahe.»