Gerber, Hans, Comet Photo AG (Zürich)
Title Peter Bichsel, Schriftsteller und Lehrer, November 1967
Schwerpunkt
«Ich bin ein religiöser Mensch, das krieg ich nicht weg»

Peter Bichsel: Über Gott und die Welt. Suhrkamp 2009.

Peter Bichsel: Was wäre, wenn? Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel. Kampa 2018.
Peter Bichsel und die Religion
von Reto Stampfli
Vor einem Jahr starb der Solothurner Schriftsteller Peter Bichsel. Der Meister der Kurzprosa äusserte sich auch immer wieder zu religiösen Themen. In Interviews, Essays und Erzählungen zeigte er sich als wacher Beobachter. Hier soll er noch einmal zu Wort kommen.
«Meine Lieben, schon die Anrede fällt mir schwer, soll ich sagen, meine lieben Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde, Mitchristen, Mitmenschen? Schon wenn ich Sie anrede, beginnt die Lüge, und wenn ich Sie anrede mit meine Lieben, dann weiss ich, dass ich unfähig sein werde, Sie alle zu lieben.» Mit diesen Worten begrüsste der im März 2025 verstorbene Schriftsteller bei einer seiner Predigten die Zuhörerinnen und Zuhörer. Diese wenigen Sätze geben bereits einen Hinweis darauf, dass Peter Bichsel der religiösen Sprache stets genau auf den Mund schaute und religiösen Fragen wohlwollend, aber stets kritisch gegenüberstand.
Ein frommes Kind
Peter Bichsel war reformiert geprägt und blieb bis zu seinem Tod interessiert an religiösen Themen. Religion war für ihn eine existenzielle Dimension des Menschseins, kein blosses kulturelles Relikt. Er berichtet in einem Gespräch mit Sieglinde Geisel, 2018 erschienen im Gesprächsband «Was wäre, wenn?», dass er in seiner Kindheit eine pietistische Phase durchlebt habe. Ein Ereignis, das er als «Emanzipationsversuch» deklariert, mit dem er seinen Eltern zeigen wollte, dass er anders als sie war, in dem er seine Anständigkeit dermassen übertrieb, bis es fast unanständig und fromm wurde. «Ich weiss, was ein frommer Mensch ist, weil ich es als Kind und Jugendlicher war, und zwar selbst gewählt, nicht durch meine Eltern. Heute bin ich nicht mehr fromm, aber ich bin ein religiöser Mensch, das krieg ich nicht weg. Ich brauche eine sinnvolle Erklärung für diese Welt», führte er in einem Interview in der «Wochenzeitung» im Jahr 2009 aus. Der in Luzern geborene und in Olten aufgewachsene Bichsel startete also als «frommes Kind» in sein Leben, wendete sich jedoch schon in jungen Jahren von der Kirche ab. «Ich ersetzte meine Frömmigkeit durch Interesse», schrieb er in seinem Essay «Abschied von der Kirche». Er interessierte sich für Theologie und Philosophie, las Kierkegaard und Barth. «Ich muss ein religiöser Mensch sein, das habe ich zu akzeptieren, damit habe ich zu leben», liess er als eine Art Fazit verlauten. Sein ambivalentes Verhältnis zum Glauben brachte er in späteren Jahren mit unterschiedlichen Aussagen zum Ausdruck. Regelmässig zitiert wird seine irritierende Äusserung: «Ich glaube an Gott, aber ich weiss, dass es ihn nicht gibt. Könnte man den Gottesbeweis erbringen, würde er mich nicht mehr interessieren. Gott ist nicht Realität, er ist ein Stück Wahrheit.» Bei anderer Gelegenheit erklärte er: «Ich glaube nicht an Gott, aber ich brauche ihn.» Später verschärfte er es zu: «Ich liebe Gott, aber er liebt mich nicht, weil es ihn nicht gibt.»
«Ein anderer zu werden»
In Gesprächen zu religiösen Fragen zitierte Peter Bichsel gerne den markanten Satz der feministischen Theologin Dorothee Sölle (1929–2003): «Christ sein bedeutet das Recht, ein anderer zu werden.» Er hatte die Theologin in den 1990er-Jahren mehrfach getroffen und führte eine Diskussion mit ihr, deren Inhalt in seinen Texten zur Religion «Über Gott und die Welt» aufgezeichnet ist. Das von Erwin Koller geleitete Gespräch hatte grossen Eindruck bei ihm hinterlassen. Aus diesem Grund wies er in Diskussionen immer wieder darauf hin, dass für Sölle das Christsein kein starres Festhalten an Identität («Ich bin halt so») ist, sondern in erster Linie eine Einladung zur Verwandlung. Der Mensch ist nicht festgelegt – er darf sich ändern, wachsen, neu werden. Dieses «Recht» richtet sich auch gegen gesellschaftliche Zwänge, die Menschen klein halten. Für Sölle und auch Bichsel bedeutete das Christsein also: Ich muss nicht der bleiben, zu dem mich andere machen, ich muss solidarischer, mitfühlender und gerechter werden. Bichsel verstand den Satz stets auch als ein Gegenentwurf zur Resignation. Er verband existenzielle Fragen nach Sinn und Gott mit skeptischer Beobachtung religiöser Praxis. Trotz aller Kritik war er bis zu seinem Tod Mitglied der reformierten Kirche. Er warf jedoch der institutionellen Kirche immer wieder vor, zu angepasst und unpolitisch zu sein. So spricht er von einer «Art Anständigkeitsinstitution», obwohl er eigentlich von der Kirche die Rolle einer «moralischen Gegenkraft» erwarten würde. Weiter störte ihn auch der Umstand, dass die Kirche jedem Konsumtrend nachgeben würde: «Die Kirche tut in ihrer Verzweiflung alles, um die Kirchen zu füllen: Laienprediger, Jazzmusiker, Jongleure, was auch immer.» Andererseits waren für ihn die Atheisten die schrecklichsten Sektierer: «Die Freidenker machen eine Religion aus ihrer Ablehnung. Schauen Sie sich um: All die Religionen, die es heute gibt! Die Religion der Nichtraucher, mit denen haben wir jetzt unsere Schwierigkeiten. Ich mag nicht mehr zuhören, wenn mir jemand die Astrologie erklären will. Er ist absolut Fundamentalist. Er wird sehr laut, wenn er mir seine Religion erklärt, und er hat Beweise. Die Homöopathie, die Bachblüten oder die Esoterik: ein Fundamentalismus neben dem anderen!»
Jesus als Stolperstein
Ungebrochen blieb Peter Bichsels Interesse an der Person Jesus Christus. Er war für ihn stets ein Stolperstein, aber gleichzeitig auch ein Leuchtturm, ja sogar ein «Unanständiger», «Verrückter oder «Aufrührer»: «Es gab und gibt immer wieder die Versuche, Christus als Revolutionär darzustellen. Über diese Darstellung der Person Christi kann man bestimmt verschiedener Meinung sein. Die Frage, ob er ein Revolutionär war, scheint mir in diesem Zusammenhang auch nicht wichtig. Das Christentum jedenfalls war eine revolutionäre Idee, das Urchristentum war schon insofern ein Politikum, als es von einer militanten Minderheit getragen wurde, einer Minderheit, die sich nicht nur prinzipiell gegen Staatsreligionen stellte, also damit zwangsläufig auch gegen die staatliche Ordnung, sondern auch im Einzelnen bewusst und provokativ gegen Gesetze verstiess (gegen die Sabbatgesetze zum Beispiel).» In seinen Ausführungen bezog sich der ehemalige Primarlehrer gern auch auf biblische Texte: «Es gibt viele Gelegenheiten, wo ich etwas in der Bibel nachschlage, und dann bleibe ich vier Stunden hängen, wie beim alten Lexikon. Ich habe mir ein Faksimile – ein billiges – der Gutenberg-Bibel gekauft. Die Gutenberg-Bibel ist der Anfang unserer Schriftsprache.» Eine wichtige Rolle spielte bei dieser Lektüre das Lukasevangelium: «Dort sagt Jesus sinngemäss: Ihr meint, ich sei gekommen, um Frieden zu bringen. Ich bin gekommen, um Zwietracht zu bringen. Das ist doch fantastisch! Ich bin gekommen für den Dialog, für das Ende einer Tradition, für etwas, das ihr noch nicht kennt. Und dieses Etwas wird euch erschrecken, und ihr werdet darüber streiten.» Bichsel verehrte den «jüdischen Philosophen» Jesus von Nazareth. Dabei wies er auch mit Nachdruck auf dessen «soziale Ideen» hin, die vor 2000 Jahren galten und auch heute noch aktuell sind. Entschieden stellte er sich gegen eine Verniedlichung: «Was Jesus von Nazareth ganz sicher nicht war, war ein Christkindlein. Eigenartig, dass man an Weihnachten nicht ihn, sondern ein Kindlein feiert, das so furchtbar friert in seinem Kripplein. Einfach schrecklich! Jesus ist ein gescheiter, gebildeter und mutiger Mann. Er war freundlich, angenehm, still und kontemplativ. Er hatte ein Herz für die Menschen, auch für seine Gegner.» Für Peter Bichsel war Jesus in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, eine zentrale Gestalt, der Gründer, den die Kirche nicht über Bord werfen kann: «Jesus ist eindeutig Mensch, er ist ein Mensch geworden. Gott Vater, Sohn und der Heilige Geist: Von den Dreien gefällt mir schon dieser Jesus von Nazareth am besten, mit dem Heiligen Geist kann ich gar nichts anfangen. Wenn der Ausdruck nicht eine andere Bedeutung hätte, wäre ich Jesuit.» Jesuit ist Peter Bichsel nicht geworden, aber immerhin Ehrendoktor der Theologie der Universität Basel.