Yvonne Bieri-Häberling
Wunder der Natur: Pfirsichblüte im Frühjahr.
Schwerpunkt
«Gott ist einfach grösser als unser Denken»
von Francesco Papagni, kath.ch
Haben Sie schon einmal ein Wunder erlebt? Eine Frage, die viele beschäftigt – auch den Physiker und Wissenschaftsphilosophen Matthias Egg im Interview mit kath.ch. Er ist überzeugt, dass die Evangelien Ereignisse zu beschreiben scheinen, die mit unserem Wissen von Naturgesetzen nicht vereinbar sind.
Herr Egg, Sie sind Physiker und habilitierter Wissenschaftsphilosoph. Vor kurzem haben sie einen Aufsatz zum Thema Wunder geschrieben. Landläufig ist das ein Gegensatz: Wie kommt ein nüchterner Physiker zu Wunder?
Matthias Egg: Der Gegensatz kommt schon da ins Spiel, wo der Physiker auch ein Mensch ist mit einer Geschichte. Ich bin als Christ aufgewachsen, mein Vater war Pfarrer in der reformierten Kirche. Für mich hat das immer dazugehört. Ich habe dann den christlichen Glauben nicht nur als etwas verstanden, was ich vom Elternhaus mitbekommen habe, sondern habe meinen eigenen Weg gefunden. Der Glaube an die christliche Botschaft hat immer zu meiner Person gehört, auch als ich Physik und später Philosophie studiert habe. Im Gegenteil, das Interesse für Physik und für die Philosophie kam bei mir aus der Frage nach dem Zusammenhalt des Seins. In der Physik schaut man die materielle Realität an, im Glauben geht es um die persönliche, existenzielle Realität. Beides ist Teil eines Lebens.
Nun gibt es eine sehr verbreitete Ansicht, dass ein Wunder ein Ereignis sei, welches die Gesetze der Natur durchbricht. Da wird ein Gegensatz erkannt zwischen Wunder und wissenschaftlicher Weltsicht.
Da ist es interessant, den Naturgesetzbegriff, der uns selbstverständlich erscheint, aber ein relativ spätes Konstrukt ist, in den Blick zu nehmen. Natürlich gab es immer schon eine Vorstellung von regelmässigen Abläufen in der Welt. Aber wenn Sie von der wissenschaftlichen Weltsicht und von Naturgesetzen sprechen, ist das sehr viel stärker metaphysisch aufgeladen – im Sinne von Gesetzen, die tatsächlich etwas verbieten, sodass ein Wunder nicht passieren darf. Dieser metaphysisch aufgeladene und zugleich empirisch unterfütterte Gesetzesbegriff kommt aus dem 16./17. Jahrhundert und gaukelt uns eine Sicherheit vor, die wir gar nicht haben. Was ich damit meine: Wir haben Experimente gemacht und Regularitäten festgestellt, die wir mit dem Naturgesetzbegriff gut beschreiben können. Aber dass die Naturgesetze etwas verbieten, ist ein weiterer – philosophischer – Schritt, der nicht aus der Naturwissenschaft selbst kommt.
Eine weitere populäre, aber oft nicht reflektierte Vorstellung besagt, die Wissenschaft beschreibt die ganze Realität. Damit werden die wissenschaftliche Weltsicht und die Welt selbst deckungsgleich.
Diese Position heisst Naturalismus, und man kann sie vertreten. Aber man muss sich einfach im Klaren sein, dass dies eine philosophische Position ist, die uns die Naturwissenschaft nicht aufdrängt. Man kann Wissenschaft so sehen, dass diese alles beschreibt, aber das ist eine philosophische Entscheidung, die man nicht mitmachen muss.
Wir sind in einer geprägten Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Auferstehung und Herabkunft des Heiligen Geistes. Zwei grosse Wunder. Auferstehung ist vielleicht das Schwierigste zu begreifen für heutige Menschen. Eine theologische Strömung spricht von auferweckt, nicht auferstanden, um anzuzeigen, dass es kein natürlicher Vorgang war wie der morgendliche Sonnenaufgang. Es war Gottes Handeln.
Ja, es ist in dem Sinn kein natürlicher Vorgang, als er ausserhalb der bekannten Regularitäten stattfindet. Ich bin aber nicht ganz glücklich mit diesem Gegensatz Natur – Gottes Handeln. Das würde ja bedeuten, dass Gott nicht handelt, solange natürliche Vorgänge geschehen. Und das glaube ich nicht: Gott ist ja der Schöpfer aller Dinge, und ich glaube, dass er auch in den sogenannt natürlichen Vorgängen handelt.
Haben Sie persönlich schon ein Wunder erlebt?
Es kommt darauf an, wie man Wunder definiert. Wenn man eine sehr enge Definition wählt, habe ich wahrscheinlich noch keines erlebt. Aber ich habe Gott schon einmal um ein Wunder gebeten. Einmal war ich mit dem Velo spätabends auf dem Nachhauseweg nach einem Fest. Es blies ein starker Wind, und es war sehr mühsam, gegen diesen Wind zu fahren. Also bat ich Gott, den Wind umzukehren. Kurz nachher bin ich an ein Ortsschild gekommen und hab realisiert, dass ich in die falsche Richtung gefahren bin …(lacht). Ich kehrte um, und von da an hatte ich Rückenwind. Das war jetzt wahrscheinlich kein übernatürlicher Vorgang, doch meine Bitte wurde erhört.
Es gab eine Zeit, da hat die Theologie selbst die Wundergeschichten, die wir aus dem Neuen Testament kennen, mit natürlichen Vorgängen zu erklären versucht. Das ging dann so: Jesus hat Dämonen ausgetrieben, heisst: Da waren psychisch Kranke, die er geheilt hat. Wundergeschichten schienen peinlich, es ging darum, sie zu rationalisieren. Das funktioniert nicht gut, spätestens bei der Auferweckung des Lazarus.
In Bezug auf die Dämonen würde ich ein Stück weit mitgehen, weil ich die Beschreibungen im Neuen Testament so lese, dass man diese Phänomene heute als psychische Belastungen verstehen würde. Aber klar, wenn es um die Auferweckung eines Toten geht, funktioniert das nicht mehr. Auch sonst darf man diese Harmonisierung zwischen göttlichem Handeln und Naturvorgängen, von der ich vorhin gesprochen habe, nicht zu weit treiben. Die Evangelien scheinen tatsächlich Ereignisse zu beschreiben, die mit unserem Wissen von Naturgesetzen nicht vereinbar sind. Da würde ich wieder das grössere Bild anschauen: Gott hat die Natur mit ihren Gesetzen geschaffen und ist auch heute tätig. Für mich ist es durchaus akzeptierbar, dass manchmal Dinge passieren, die wir wissenschaftlich nicht erklären können. Gott ist einfach grösser als unser Denken.
Und von einem physikalischen Standpunkt?
Der menschliche Körper ist ein hochkomplexes System, das allein mit pysikalischen Mitteln nicht erklärbar ist. Auf der Ebene elementarer Physik gehen wir davon aus, dass es eine Zeitumkehr-Invarianz gibt. Etwas plakativ gesagt: Wenn jemand vom lebendigen in den toten Zustand übergehen kann, kann er auch vom toten in den lebendigen Zustand übergehen. Vom Standpunkt der Physik kein Problem. Natürlich haben wir auf der höheren Ebene der Biologie und der Medizin andere Erwartungen. Aber auch auf dieser Ebene sind die Systeme so komplex, dass wir keine ausnahmslosen Regelmässigkeiten feststellen. Die gibt´s nur in der elementaren Physik. Alles andere können wir wissenschaftlich nur zum Teil erfassen.
Eine letzte Frage, Herr Egg. Viele scheinen den Begriff Wunder deswegen abzulehnen, weil solche Ereignisse nicht durch unsere Alltagserfahrung gedeckt sind. Andererseits scheint es in manchen Disziplinen der Physik, z. B. der Quantenphysik, Phänomene zu geben, die für den Durchschnittsmenschen wunderlich sind, also der Alltagserfahrung entgegenstehen.
Man muss nicht unbedingt bis zur Quantenphysik gehen. In vielen Wissenschaftsgebieten gibt es Dinge, die wunderlich und unverständlich sind. Oftmals wird gesagt: Früher verstand man das nicht, während die Wissenschaft heute Erklärungen dafür hat. Da müsste man weiter fragen: Ja, wer versteht denn das? Natürlich haben wir Spezialistinnen und Spezialisten, die ihren Fachbereich beherrschen, aber diese Fachbereiche werden immer enger. Jemand, der wirklich versteht, was diese Phänomene im Kontext des gelebten Lebens bedeuten, gibt es eigentlich nicht. In gewissem Sinn versteht der Alltagsverstand mehr als die Wissenschaft, weil er immer das ganze Leben im Blick hat. Diese Art des Verständnisses wird nicht obsolet, wie weit der wissenschaftliche Fortschritt auch gehen mag. So hören wir nicht auf, uns zu wundern.
*Dr. Matthias Egg ist Physiker und Wissenschaftsphilosoph. Er lehrt als Privatdozent an der Universität Bern und lebt mit seiner Familie in Köniz.