Urban Fink-Wagner | Chefredaktor-Stellvertreter
Editorial
Totenstille um die Sterbehilfe
Am 5. Mai 2026 entschieden 79 Solothurner Kantonsrätinnen und Kantonsräte bei elf Gegenstimmen und fünf Enthaltungen, dass Alters- und Pflegeheime im Kanton Solothurn zukünftig den assistierten Suizid zulassen müssen. Bisher konnten die Heime selbst entscheiden, ob sie dies wollten oder nicht.
Die Römisch-Katholische Synode des Kantons Solothurn wies bei der vorgängigen Vernehmlassung auf das Spannungsfeld zwischen der individuellen Selbstbestimmung und der institutionellen Verantwortung von Heimen hin: «Die Entscheidung über den eigenen Tod betrifft nicht nur die einzelne Person, sondern auch Angehörige, Pflegende, Leitende sowie Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Es muss weiterhin möglich sein, dass Pflegeheime eine klare Haltung gegen die Durchführung von assistiertem Suizid in ihren Räumen vertreten. Auch Bewohnerinnen und Bewohner sollen diese Wahlfreiheit haben. Gerade in gemeinschaftlichen Wohnformen wie Pflegeheimen besteht die Gefahr, dass die Möglichkeit des assistierten Suizids ältere Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in eine psychische Ausnahmesituation bringt. Sie könnten sich – bewusst oder unbewusst – gedrängt fühlen, ihrem Leben früher ein Ende zu setzen, um niemandem zur Last zu fallen.» Auch das Bistum Basel, christliche Organisationen und Private äusserten sich in diesem Sinne.
Mich beunruhigen zwei Feststellungen: Das Anschreiben aller Kantonsrätinnen und Kantonsräte durch christlich motivierte Privatpersonen gegen den Staatseingriff löste kaum Reaktionen aus. Hören Volksvertreterinnen und Volksvertreter (noch) auf Eingaben aus dem Volk? Dazu aber blieben auch die Medien weitgehend stumm. Eine ernsthafte öffentliche Diskussion um die Frage von Selbstbestimmung, Einschränkung der Freiheit von anderen, Zwang durch den Staat und die Auswirkungen von assistierten Suiziden fand nicht statt.
Ich hoffe jedoch, dass der christliche Grundsatz, dass das menschliche Leben ein Geschenk Gottes ist und von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende eine unverlierbare Würde besitzt, auch heute noch zu Überlegungen und Diskussionen Anlass gibt.
Ihr Urban Fink-Wagner