Reto Stampfli | Chefredaktor
Editorial
Die richtige Ausrichtung
Die deutsche Theologin Donata Gries zeigt im Schwerpunkt-Artikel dieses «Kirchenblatts» auf, warum Hoffnung, Vertrauen und Vergebung die Resilienz stärken können. Der Ausdruck Resilienz, der aktuell in vieler Munde ist, geht auf das lateinische Verb resilire zurück. Das bedeutet so viel wie «zurückspringen», «abprallen» oder «zurückweichen». Oft ist nicht bekannt, dass dieser Begriff ursprünglich in der Physik verwendet wurde. Gemeint war die Fähigkeit eines Materials, nach Verformung wieder in seinen Ausgangszustand zurückzukehren – also Elastizität und Widerstandskraft. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff dann von der Psychologie übernommen, besonders durch Forschungen wie die von Emmy Werner. Hier beschreibt Resilienz die Fähigkeit von Menschen, Krisen zu bewältigen und sich trotz widriger Umstände positiv zu entwickeln.
Augustinus von Hippo, dessen Gedenktag wir Ende August feiern, hätte das moderne Wort «Resilienz» vermutlich nicht so verwendet – das lateinische resilire hätte er jedoch bestimmt gekannt. Das dahinterliegende Thema wäre ihm jedoch sehr vertraut gewesen: Wie bleibt der Mensch standhaft angesichts von Leid, Unsicherheit und innerer Unruhe? Seine Antwort wäre klar, aber nicht bequem: Resilienz entsteht nicht primär aus eigener Stärke, sondern aus der Ausrichtung des Herzens auf Gott. Einer seiner berühmtesten Sätze aus seinem epochalen Werk «Bekenntnisse» lautet dementsprechend: «Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir (Gott).» Für den Kirchenlehrer und Bischof aus dem 4. Jahrhundert ist die innere Zerrissenheit kein Zufall, sondern ein menschlicher Grundzustand. Moderne Begriffe wie Stress, Sinnsuche oder Identitätskrise treffen genau diesen Punkt. Resilienz beginnt also nicht mit Kontrolle, sondern mit dem Eingeständnis der eigenen Unruhe. Er würde sagen: Ein Mensch wird stabil, wenn seine Liebe richtig geordnet ist. Wer das Höchste liebt (Gott), verliert nicht den Boden, wenn Niedrigeres wegbricht. Liebe (caritas) ist die ordnende Kraft des Lebens. Anders als viele moderne Konzepte sieht Augustinus Leid jedoch nicht nur als Problem, sondern auch als Möglichkeit. Leid kann den Menschen von Illusionen befreien und auf das Wesentliche zurückwerfen. Das ist unbequem, aber zentral: Resilienz entsteht nicht trotz Krisen, sondern oft durch sie.
Mit freundlichen Grüssen
Reto Stampfli