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Samir und Tenny Baboun vor ihrem Haus in Bethlehem, welches sie wegen der Krise verlassen haben.
Schwerpunkt
Gefährlicher Alltag der Christen in Palästina
von Silvia Rietz
Samir Baboun wartet im Wiener Exil auf Entspannung und Frieden im Westjordanland
Samir Baboun lebte bis vor einem Jahr in seiner Geburtsstadt Bethlehem, spricht fliessend Deutsch und arbeitete als Touristenführer. Wegen des Krieges und der humanitären Krise versiegte der Besucherstrom und damit auch sein Einkommen. Wirtschaftliche Alternativen gibt es keine – Christen verlassen das Westjordanland und den Gazastreifen Richtung Europa und Amerika.
Das Ehepaar Baboun flüchtete nach Wien und will dort warten, bis die politische und wirtschaftliche Lage eine Heimkehr erlaubt. «Wir wollen nicht hierbleiben, sondern zurück in die Heimat», stellt Samir Baboun klar. Am Montag, 28. September, wird er in Solothurn über die Lebenssituation in Palästina sprechen.
Minderheit mit politischen Rechten
Weltweit gehören Christen zu der grössten Gruppe religiös Verfolgter. Doch obschon die palästinensischen Christen von Juden und Muslimen umgeben sind und als religiöse Minderheit im Westjordanland und im Gazastreifen leben, können sie ihre Religion unbehelligt ausüben. Dies war nicht immer so. Ein Onkel von Samir Baboun hatte in den 1980er-Jahren von Jassir Arafat verlangt, dass die Christen in den Stadtrat (Bethlehem Municipal Council) eingebunden werden. Samir: «Arafat hat dies umgesetzt. Seit damals amten praktisch immer christliche Bürgermeisterinnen und Stellvertreter, wobei die beiden Ämter von je einem römisch-katholischen und einem griechisch-orthodoxen Christen, als Vertreter der grössten Konfessionsgruppen, ausgeübt werden. Viele stammen aus meiner Familie. Die erste weibliche Bürgermeisterin von Bethlehem war Vera Baboun. Sie ist eine Verwandte und weilt gegenwärtig als offizielle Botschafterin des Staates Palästina in Chile.»
Ohne Arbeit und ohne Perspektiven
Samir Baboun hat Bethlehem nicht wegen seiner Religion verlassen, sondern weil er seinen Job als Reiseführer verlor, da seit dem Beginn des Krieges 2023 keine Touristen mehr ins Heilige Land einreisen. Früher zeigte er Pilgergruppen Bethlehem und die biblischen Stätte Ramallah, Nablus, Hebron, Jericho und ganz Israel. Trotz Studien in Jerusalem, Chicago und München, und obschon er Hebräisch, Arabisch, Französisch, Deutsch und Italienisch fliessend spricht, finden sich keine Jobalternativen. Neben der Arbeitslosigkeit wurden die Lebensbedingungen im Alltag allgemein schwieriger, da die politische Lage immer unsicherer wurde. So beschloss er, vorübergehend nach Österreich zu gehen. «Tatsächlich bin ich nicht aus Palästina geflohen, sondern legal ausgereist. Dies gestaltete sich jedoch alles andere als einfach und es dauerte viele Monate, bis wir gehen konnten. Ich hatte bei der österreichischen Botschaft ein Visum beantragt und durfte nur von Amman aus abreisen. Alles war ziemlich kompliziert und zeitaufwendig.» Sobald sich die politische Lage verbessert und wieder Besucherinnen und Besucher Palästina entdecken möchten, wollen Samir und seine Frau wieder zurück.
Alltag in Bethlehem
Der Gazastreifen und das Westjordanland sind seit 1967 besetzt. Trotz des Friedensvertrags von 1993, des sogenannten «Oslo-Abkommens», anerkenne Israel das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser in ihrem eigenen Land nicht. Die ganze Situation habe sich seit dem jüngsten Krieg zugespitzt, sagt Samir Baboun. Am Beispiel Bethlehems zeigt er auf, warum mehr als die Hälfte der Bevölkerung ohne Arbeit und ohne Perspektiven um die Existenz kämpft. «Die Geburtsstadt Jesu ist zu 85 Prozent vom Tourismus abhängig. Es ist der Ort, wo das Christentum seinen Anfang nahm, wo die Geburtskirche Jesu steht. Jedes Jahr besichtigten Tausende von Touristen die heiligen Stätten.» Da erstaune es nicht, dass die meisten Christen im Tourismus-Sektor arbeiten. Die Krise und die fehlenden Besucher habe nicht nur ihn persönlich, sondern die gesamte Bevölkerung Palästinas getroffen. «Die palästinensischen Christen leiden besonders darunter. Viele haben Kinder, Eltern und Grosseltern zu versorgen. Weil sie ihre Einkommen verloren haben, sind sie sehr arm geworden. Der Sicherheitsaspekt, die wirtschaftliche Not, die politischen Verfolgungen und Gefährdungen hätten zu dramatischer Landflucht geführt. «So sind wir Christen im eigenen Land eine Minderheit geworden und machen heute nur noch weniger als 2 Prozent der Bevölkerung aus», präzisiert er.
Humanitäre Katastrophe
Die Abriegelung, Zersplitterung und Umzäunung des Westjordanlands (Westbank) durch israelische Siedlungen und das Militär ist eine Realität, die das tägliche Leben der palästinensischen Bevölkerung massiv einschränkt. Diese Entwicklung habe sich in den letzten Jahren und Monaten noch einmal drastisch verschärft. Checkpoints und Kontrollpunkte blockieren die Strassen zwischen den Städten. «Viele bangen um ihr Leben, haben fast keine Einkünfte und leben von Spenden. «Wir erleben eine richtige humanitäre Katastrophe. Die Lebensmittel reichen momentan noch knapp. Doch es fehlt an Benzin, Gas und Wasser. Die Israeli versorgen Bethlehem alle zwei bis drei Wochen mit Wasser. Alle Güter sind rar und teuer geworden, sodass sich ein Familienvater vieles nicht mehr leisten kann», berichtet Samir.
Das Beschlagnahmen und Enteignen des Landes der Palästinenser sei eine weitere Ungerechtigkeit, die viel Schmerz und Leid verursache. Samir formuliert vorsichtig, will sich nicht allzu sehr zur politischen Lage äussern. Energisch betont er, dass er nicht bleiben, sondern zurückwolle. Er vermisse die Heimat, Verwandte und Freunde.
Hoffnung auf Frieden und Rückkehr
Was ihn in der Fremde über das Heimweh und den Schmerz trägt, ist sein tiefer Glaube und die Hoffnung, dass dereinst Frieden einkehren werde.
Baboun: «Ich bin immer noch optimistisch, dass das Heilige Land zur Ruhe und zu Frieden kommen wird. Auch wenn dieser Prozess noch einige Zeit dauern wird und viele Anstrengungen und guten Willen aller Parteien benötigt. Dabei meine ich nicht nur der Palästinenser, sondern vieler Menschen im gesamten Nahen Osten. Ich habe mich immer für Gerechtigkeit und Frieden für beide Völker des Landes eingesetzt, für Israeli und Palästinenser.» Dafür wirbt er mit Vorträgen in Europa, will die Zuhörenden sensibilisieren und den Daheimgebliebenen mit Solidarität und Unterstützung helfen.
Samir Baboun zeigt einer Pilgergruppe das Modell der Tempelritterstadt von Akko und ihrer Befestigung.
Vortrag in Solothurn
Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, Komturei Solothurn, und der Vorstand des Fördervereins Kloster Visitation Solothurn, veranstalten gemeinsam einen Vortragsabend mit Samir Baboun. Am Montag, 28. September, 19.00 Uhr, wird er in der Kirche des Klosters Visitation in Solothurn vom Alltag der Christen und der übrigen Bevölkerung in Palästina erzählen und Fragen beantworten. Kollekte für die Palästina-Hilfe.