Editorial

Nahöstliche Verdrängung

«Schreiben Sie doch wieder einmal etwas Lustiges», bat mich kürzlich eine ältere Dame, als wir auf das «Kirchenblatt» zu sprechen kamen. Eine durchaus berechtigte Bitte, die jedoch im Zusammenhang mit der Situation der Christen im Westjordanland, die in dieser «Kirchenblatt»-Ausgabe im Zentrum steht, zu einem zynischen Unterfangen ausarten könnte, denn von Lustigem oder Entwicklungen, die ansatzweise positiv erscheinen, lässt sich in Bezug auf Nahen Osten kaum berichten. Die Meldungen aus dieser Region klingen dermassen negativ, dass man am liebsten weghören möchte.  

Die Situation der Christen in Bethlehem ist derzeit ernst und langfristig durchaus besorgniserregend. Die Probleme sind eine Mischung aus politischem Konflikt, Besatzung, wirtschaftlicher Not, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Auswanderung und zunehmender Unsicherheit. Bethlehem lebt in hohem Masse vom Tourismus und von Pilgern. Gleichzeitig erschweren Checkpoints und andere Einschränkungen den Verkehr zwischen Bethlehem, Jerusalem und anderen Teilen des Westjordanlands. 

Unter Verdrängung versteht man in der Psychologie die Neigung, unangenehme Gedanken und Gefühle aus dem Bewusstsein zu verbannen. Das bedeutet, dass man geneigt ist, unangenehme Gedanken und Gefühle abzuwehren und sie im eigenen Erleben nicht zuzulassen. Dieser unheilvolle Vorgang kann der betroffenen Person mehr oder weniger bewusst sein. Mir selbst wird im Zusammenhang mit den Vorgängen im Nahen Osten immer wieder schmerzhaft bewusst, dass bei mir eine Art Verdrängungsmechanismus, wie oben definiert, überhandgenommen hat: Am liebsten möchte ich gar nichts mehr aus diesen Krisengebieten mitbekommen. Vielleicht geht es Ihnen ganz ähnlich, liebe Leserinnen und Leser. Dieses Abwehrverhalten ist ja auch ansatzweise verständlich. Ein gewisses Mass an Verdrängung kann man zwar nachvollziehen, wenn es jedoch zum Prinzip wird, dann drohen gefährliche Lücken in der Wahrnehmung. 

Mit freundlichen Grüssen

Reto Stampfli