Schwerpunkt

Der Kiosk von El Porvenir

von Johannes Rösch

Der im Juli 2026 in Olten verstorbene Walter Amgwerd prägte als Priester, Kirchenbauer und Brückenbauer das Leben der Menschen in Kolumbien ebenso wie jenes in der Schweiz. ­Besonders in El Porvenir-Meta setzte er sich mit grossem Engagement für den Bau einer Kirche ein und pflegte den Dialog über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg. 

Der Kirchenbauer 
«Es fing an, als ein paar Frauen den Bauplatz für die zukünftige Kirche eroberten, indem sie das Stück Land kurzerhand säuberten und einzäunten. Dies war im Jahr 1985. Die Besitzerin des riesigen Landgutes Caviona, der das Land damals gehörte, gab schliesslich ihre Einwilligung.» Was Walter Amgwerd (1940–2026) in seinen «Notizen aus El Porvenir» im Dezember 1990 für Freunde und Unterstützer in der Schweiz schrieb, war der Anfang eines Kirchenbaus, den die lokale Bevölkerung mit Unterstützung von Walter Amgwerd und dem Diözesanbischof Gregorio Garavito Jimenez baute. Walter Amgwerd war von Bischof Garavito 1987 als erster Pfarrer in die Siedlung El Porvenir-Meta entsandt worden. Es war ein schwieriger Start, trieben doch damals «Mörderbanden» einen Teil der Dorfbevölkerung in die Flucht. 

«Padre Walter» nahm die Initiative der Frauen auf. Zusammen mit der Architektin Mariza Larreamendy aus Boguta entwickelte er die Baupläne für eine Kirche. «Die Grundidee unseres Kirchenbauplanes geht von einem hier üblichen runden Mehrzweckbau aus. Ein solcher Rundbau mit Spitzdach nennt man hier ‹Quiosco›, zu Deutsch ‹Kiosk›.» Die neue Kirche sollte eben auch als Versammlungsraum, Erholungsort und Stube dienen. Aus dem Rundbau wurde ein Achteck mit einem Durchmesser von 16 Metern. Dicht gedrängt finden auf den knapp 210 m2 600 Personen Platz. Walter Amgwerd hat sich sehr bemüht, den Kirchenbau den lokalen Gegebenheiten anzupassen. Die Ausrichtung der Kirche wurde so gewählt, dass weder Gottesdienstbesuchende noch Gottesdienstgestaltende durch die Sonne geblendet wurden. Besonders stolz war Padre Walter auf seine natürliche Belüftung, die sich insbesondere beim Weihegottesdienst bewährte. Es freute ihn, dass die Bevölkerung die Kirche auch aufgrund ihres angenehmen Raumklimas schätzte.

Ab 1988 fanden verschiedene lokale Basare und Sammelaktionen statt. Zudem gelang es, die lokale Bevölkerung einzubinden beim Transport von Sand und Kies aus dem nahen Fluss Meta. Im April/Mai 1989 begannen die Bauarbeiten «unter der kundigen Leitung von Kari Hüsler, Missionsbaumeister der Immenseer». Zuerst wurde die Sakristei erbaut. Dann folgte die Säulen- und Betonträgerfundamentation. Beim Bauen wurde sehr pingelig auf die Einhaltung der Bauvorschriften, insbesondere beim Erdbebenschutz, geachtet. Dieses hat sich bewährt, wurden doch weder die Sakristei noch die bereits erstellten Kirchenteile bei einem Erdbeben während der Bauzeit beschädigt. Auch bei der Überprüfung der Einhaltung der Erdbebenvorschriften durch die Provinzverantwortlichen wurde dem Bauteam ein gutes Zeugnis ausgestellt. Vom letzten grossen Erdbeben war die Region zum Glück nicht stark betroffen. 

Die Einweihung der neuen Kirche verlief etwas holprig. Zunächst musste der Termin vom 8. auf den 15. Dezember verschoben werden. Das gab allerdings die Möglichkeit, dass noch einige letzte Arbeiten vor der Weihe der Kirche durch die lokale Bevölkerung durchgeführt werden konnten. Die Kirche wurde der «Santa Maria Reina» geweiht, da hätte natürlich der 8. Dezember als Weihetag gut gepasst. Zur Kirchweihe hier nochmals ein längeres Zitat aus den «Notizen aus El Porvenir»: «Ein kleines oder grosses Wunder, wie gut sich unser Bischof Gregorio Garavito von seinem Beckenbruch erholt hat. – Er reiste mit seiner Begleitung über Puerto Gaitán per Boot an. Die Kinder standen bereit, im Ganzen über hundert. Wir hatten die Erstkommunion und Firmung auf diesen Tag zusammengelegt. Auch ein Ehepaar wartete auf seine Trauung und über 20 Familien mit ihren Täuflingen. – So gefällt es den Leuten: ähnlich wie beim Essen hier, wo sie einem Reis, Kartoffeln, Yuca und Spaghetti neben Fleisch und Gemüse auf denselben Teller häufen ...! (ä Guätä!)» 

Der Brückenbauer
El Porvenir-Meta war nicht der erste Kontakt von Walter Amgwerd mit Kolumbien. Bereits 1979–1983 wirkte er als Mitglied einer «Equipa pastoral» der Bethlehem Mission Immensee in Puerto Gaitán-Meta, dem übergeordneten Verwaltungszentrum von El Porvenir. Puerto Gaitán ist mit fast 17 500 km2 eine der grössten Gemeinden Kolumbiens. In El Porvenir traf Padre Walter, der selbst aus bescheidenen kleinbäuerlichen Verhältnissen stammte, auf eine kleinbäuerliche Bevölkerung mit verschiedenen indigenen Gruppen. Besonders beeindruckt war er von Begegnungen mit dem indigenen Medizinmann Don Fermin. Diese Begegnungen waren geprägt von gegenseitigem Respekt. Auch zu den Mitchristen der Freikirchen, die im Dorf aktiv waren, pflegte der Padre Kontakte. Er schätzte ihre Zuverlässigkeit im handwerklichen Bereich.

Walter Amgwerds Einsatz in El Porvenir dauerte von 1987 bis 1995. Eine der Geschichten aus dieser Zeit in El Porvenir, die Walter Amgwerd gerne erzählte, handelt von einer speziellen Prozession. In der Zeit der «Weihnachtsnovene», in den neun Tagen vor Weihnachten, war es in El Porvenir üblich, Prozessionen durchzuführen. Einmal, als Padre Walter diese Prozession anführte, wurde er recht unsanft von hinten gestossen. Als er sich umdrehte, sah er eine kleine Kuhherde hinter sich her traben, der es eindeutig zu wenig schnell vorwärtsging. Diese kurze Geschichte beleuchtet, dass sich Walter Amgwerd von der Situation vor Ort anstossen und bewegen liess. Mit Hartnäckigkeit machte er sich immer wieder auf den Weg, die Menschen vor Ort zu unterstützen und Kirche positiv erlebbar zu machen.

Dieser Weg war sicher nicht immer einfach. Zu Beginn seiner Tätigkeit waren Walter Amgwerd und die Dorfgemeinschaft mit «Mörderbanden» konfrontiert. Dass solch mörderische Banden immer noch aktiv sind, zeigen Aufrufe von Amnesty International zum Schutz kleinbäuerlicher Gemeinden und indigener Gemein­schaften in El Porvenir auf der Homepage der Schweizer Sektion.

Bezug zu Olten
Als Walter Amgwerd sein Theologiestudium in Luzern nach Auslandaufenthalten in Bonn und Strassburg beendete und sich definitiv entschloss, Priester zu werden, waren bereits erste Auswirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils spürbar. Walter Amgwerd war einer der ersten, die als Priesteramtskandidaten ein Pfarreipraktikum absolvierten. Dieses Praktikum verschlug ihn nach Olten, wo er während vier Monaten unter anderem 23 Wochenstunden Religionsunterricht zu halten hatte. 1968 wurde er von Bischof Anton Hänggi zum Priester geweiht. Im Unterschied zu früheren Weihekursen war es Walter Amgwerd wichtig, auch den Kontakt zu «laisierten» Kollegen aufrechtzuerhalten und sich regelmässig mit ihnen zu treffen. In der Schweiz war er an verschiedensten Orten als Priester tätig: Biel, Basel, Pfeffikon LU, Neuhausen am Rheinfall, Frauenfeld, Lenzburg und von 2000 bis 2005 in Huttwil. 2001 war der damals emeritierte Bischof Garavita zu einem kurzen Besuch in der Schweiz. Nach seiner Pensionierung entschied Walter Amgwerd sich für Olten als Wohnort. Dies vor allem wegen der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Einige Zeit übernahm er noch aushilfsweise die Gestaltung von Gottesdiensten in der Region. In Olten entstand auch sein historisches Alterswerk, das Buch zum sogenannten «Einsiedler-Handel», ein Stück Schwyzer und Schweizer Demokratiegeschichte. Am 15. Juli dieses Jahres starb der Kirchen- und Brückenbauer Walter Amgwerd 86-jährig im Kantonsspital Olten.  

buch WA

Das Buch erzählt die spannende und traurige Geschichte von sechs Einsiedler Landleuten, die sich für ihre Rechte und gegen Ungerechtigkeit wehrten und deswegen von den Schwyzer Behörden zum Tode verurteilt und geköpft wurden. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Schwyzer und Schweizer Demokratie­geschichte.

Restbestände des Buches sind in der Buchhandlung Benziger AG, Hauptstrasse 85, 8840 Einsiedeln,Telefon +41 55 418 30 50, erhältlich.