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Schwerpunkt
Vergeben und versöhnen
DREI STUFEN DES VERGEBENS
In seinem 2017 im Danielis Verlag erschienenen Buch «Vergebung – ein Arzneimittel ohne Risiken und ohne Nebenwirkungen» setzt sich Professor Helmut Renner, der drei Jahrzehnte die Klinik für Radioonkologie am Städtischen Klinikum Nürnberg leitete, mit dem Vergeben aus christlicher Sicht auseinander. Dabei rückt die elementare Bitte des Vaterunsers «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern» ins Zentrum. Das Vergebenkönnen erachtet Renner als Geschenk an den Menschen. Diese Gottesgabe bestehe vor allem in der Heilung. Das Vergebenkönnen sei eine Art Heilmittel. Aus der Perspektive eines Arztes weist der Autor auf die bedeutsame Rolle hin, welche die Vergebung für die geistige, seelische und leibliche Gesundheit spielt. Im Prozess des Verzeihens unterscheidet er drei Stufen:
1. Loslassen, weggeben und aufgeben. Dabei schildert er das Loslassen, Weggeben und Aufgeben als eine Tat der Vernunft, da Nichtvergeben nur dem «Opfer» und nicht dem «Täter» schade.
2. Abgeben, übergeben, freigeben. Bei Christen verwandle sich das Abgeben in ein Übergeben: den «Schuldiger» an Jesus zu übergeben. Er möge sich nun um ihn kümmern. Jesus Christus solle für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sorgen. Vergeben zerschneide die negative Bindung an die verletzende Person und die erlittene Ungerechtigkeit. So werde aus dem Vergeben auch ein Freigeben.
3. Beten, segnen, Schuld erlassen. Ein letzter Akt sei, dem «Schuldiger» seine Schuld zu erlassen, quasi den Schuldschein zu vernichten. Als abschliessenden Schritt nicht vergessen, für die Gnade zu danken, dass Gott die Kraft zum Vergeben schenkte.
aus christlicher Sicht
von Silvia Rietz
Menschen erleben nicht nur Schönes und Erfüllendes, sondern werden im Laufe des Lebens manchmal verraten, betrogen, unterdrückt oder gequält. Als Christen wissen wir, dass wir den uns verletzenden Personen vergeben sollten. Doch von ganzem Herzen zu vergeben, gestaltet sich nicht immer so einfach. Der irische Schriftsteller C. S. Lewis sagte einmal: «Jeder hält Vergebung für eine schöne Idee, bis er selber etwas zu vergeben hat.» Die Bereitschaft zu verzeihen hilft, an Leib und Seele gesund zu bleiben.
Verletzungen oder Ungerechtigkeiten verzeihen zu können, braucht Zeit zum Reifen und einen bewussten Entschluss, sich von der Macht des Hassens zu verabschieden. Eine besondere Herausforderung, wenn der Verursacher den Fehler nicht eingesteht, sich weder entschuldigt noch das verletzende Verhalten ändert. Bleiben belastende Konsequenzen zurück, können diese den Verzeihungsprozess zusätzlich erschweren. Gelegentlich reicht die Kraft, um zu vergeben, nicht aus, weil zu viel Schweres über die Jahre hinweg geschehen ist. Manchmal hat man vergeben, doch die Energie, um erneut Vertrauen aufzubauen, ist nicht mehr vorhanden. Dabei ist ein wichtiger Teil des Vergebungsprozesses, auf Rache und Hass zu verzichten. Ist nur schon dies gelungen, ist viel Heilendes gewonnen. Zudem gibt es psychologische Beratungs- und Therapieansätze, die Menschen beim Prozess des Loslassens und Verzeihens unterstützen können. Verletzungen können heilen, Narben hingegen bleiben zuweilen bestehen.
DIE JOSEPHSGESCHICHTE UND DAS VERZEIHEN
Die biblische Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, die ihn erst ertränken und danach verkaufen wollten, verdeutlicht nicht nur die Kraft des Erduldens, sondern auch die Gnade des Verzeihens. Joseph wurde nach Ägypten verschleppt, musste erst als Diener in Potifars Haus schuften und wurde später unschuldig ins Gefängnis gesperrt. Durch das Deuten der Träume des Pharaos stieg er in der Hierarchie auf, erwarb Ansehen und Vermögen. Als er seine nach Ägypten gereisten Brüder getroffen hatte, gab er sich ihnen zu erkennen, verzieh und sagte: «Ihr hattet Böses beabsichtigt, Gott aber hat es zum Guten gewendet» (Genesis 50,20). Obschon Joseph Reichtum und Macht erlangte, konnte er die verlorenen Jahre nicht aufholen. Die Demütigungen nicht ungeschehen machen. Trotzdem hat Joseph seinen Brüdern vergeben. Er hätte auch ganz anders reagieren können, unversöhnlich bleiben, im Zorn verharren. Mit seiner Haltung ermöglichte er seinen Geschwistern und Verwandten, sich ihm wieder anzunähern und gemeinsam als Familie zu leben. Trotz Jahren der Knechtschaft besass Joseph die Grösse, das ihm angetane Unrecht zu vergeben.
MISSBRAUCH UND GEWALT VERGEBEN?
Heute prägen die Akzeptanz der Menschenrechte, gesellschaftliche Veränderungen, Gleichstellung der Geschlechter, der Fokus auf das Kindeswohl, das Recht auf Bildung und andere Errungenschaften das Zusammenleben. Doch ungeachtet dessen sind physische, psychische und sexuelle Missbräuche, Gewalt und Unterdrückung nicht einfach verschwunden, sondern nehmen sogar zu. Auch innerhalb von Familien. Eine konfliktbelastete Kindheit kann dazu führen, dass sich Erwachsene von einem oder beiden Elternteilen distanzieren. Radikale Entscheidungen, die auf tiefgreifenden Verletzungen fussen und eine unbefangene Beziehung verhindern. Ein Schmerz, der nicht einfach verziehen werden kann. Einer, der den Seelenfrieden raubt, belastet und das Weiterkommen hemmt. Dabei wirken sich Hass, Rachefantasien und negative Gefühle langfristig destruktiv und schädigend auf die seelische und körperliche Gesundheit aus. Wer gesunden will und sich mit dem Unrecht auseinandersetzt, kann damit einen Veränderungsprozess anstossen, der sich befreiend auf sein Leben auswirkt. Wer vergibt, attestiert dem anderen damit nicht, dass er sich richtig verhalten hat. Verzeihen bedeutet auch nicht, den Vorfall zu bagatellisieren, noch zu vergessen oder dem Verursacher einen Freibrief auszustellen. Verzeihen ist auch nicht mit Schwäche gleichzusetzen. Im Gegenteil. Wer verzeiht, will etwas verändern, ohne jedoch das Unrecht zu akzeptieren. Bei Elternkonflikten oder anderen Traumata beinhaltet das Verzeihen auch, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sich mit ihr auszusöhnen.
DAS WESEN DER VERSÖHNUNG
Vergeben und verzeihen verzichtet auf Rache und Groll, stellt das Loslassen und Wiedergutmachen ins Zentrum. Das Versöhnen geht noch einen Schritt weiter und ermöglicht einen Neustart. Es bietet dem «Verursacher» die Möglichkeit, zu bereuen, und öffnet dem «Opfer» die Türe des Annäherns. Versöhnen setzt voraus, dass der «Täter» seine Verfehlung einsieht und bereut. Wie auch, dass beide Seiten den Wunsch verspüren, aufeinander zuzugehen und einen Schlussstrich unter das Vergangene zu ziehen. Letztendlich werden dadurch beide von einer Last befreit. Wer dies geschafft hat, kann im Vaterunser gläubig und vertrauensvoll beten: «Vater, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.»
Silvia Rietz ist Journalistin, Konzertveranstalterin, engagierte Christin und Redaktionsleiterin des Antoniushefts. Sie gehört zum Redaktionsteam des «Kirchenblatts».