Aktuelle Nummer 26 | 2025
14. Dezember 2025 bis 27. Dezember 2025

Editorial

Ein empfindliches Gewächs

Die Religionsfreiheit ist ein junges und zartes Pflänzchen. Es gibt zwar bereits im Persischen Reich im 6. Jahrhundert vor Christus erste Hinweise auf Toleranz gegenüber unterschiedlichen Religionen, aber so richtig entfalten konnte sich das fragile Gebilde erst in der Zeit der Aufklärung. Im Verlauf der Geschichte waren es nicht selten die grossen Religionsgemeinschaften selbst, die jede Art von freier religiöser Entfaltung bekämpften. Bei diesem oft blutigen Bemühen spielten regelmässig auch politische und staatliche Interessen mit. So herrschte zum Beispiel im Römischen Reich eine erstaunliche Toleranz, solange eine Religion die Staatsordnung nicht bedrohte. Erst das 17. und 18. Jahrhundert brachten dann erste Ansätze einer individuellen Bekenntnisfreiheit. Philosophen wie John Locke oder Immanuel Kant vertraten die Meinung, dass dem Staat in Glaubensfragen keine Vorrechte einzuräumen seien. Festgeschrieben als Grundsatz der ersten amerikanischen Verfassung, gefordert in den Wirren der Französischen Revolution, gelangte das Ringen nach Religionsfreiheit im 18. Artikel in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948 zur Blüte. 

Es war also eine kontinuierliche Entwicklung hin zu dem, was wir heute im Westen als selbstverständlich erachten. Doch dieses über viele Jahrhunderte errungene Menschenrecht wird von allen Seiten zerzupft. Augenfällig ist diese negative Entwicklung in China: Eigentlich herrscht hier laut Verfassung Religionsfreiheit. Wie fast alle Länder Asiens kannte China eine lange Tradition des überwiegend harmonischen Mitei­nanders verschiedener Religionen. Das hat sich im 20. Jahrhundert wesentlich geändert; die Volksrepublik geht systematisch gegen religiöse Haltungen vor, die nicht den Ideen der «sozialistischen Gesellschaft» entsprechen. Danach stehen Religionen wie im Wettbewerb zum Kommunismus. China ist jedoch bei Weitem nicht das einzige Land, in dem sich religiöse und politische Verhältnisse vermengen. Auch im Iran erleben Angehörige religiöser Minderheiten Diskriminierung, Berufsverbote, Verhaftungen oder Einschränkungen im Gemeindeleben. Darum gilt es achtsam zu sein, damit dieses empfindliche Gewächs nicht verwelkt, denn die Religionsfreiheit ist die absolute und unbedingte innere Freiheit jedes Menschen, jede beliebige Überzeugung oder Religion zu haben.

Mit freundlichen Grüssen 
Reto Stampfli