Schwerpunkt

Die Weihnachtsinsel

von Reto Stampfli

Weihnachten kann Erinnerungen wachrufen und Menschen verändern. Im Haus, in dem die Familie Marti wohnt, geschehen seltsame Dinge ...  

Dieser vermaledeite Weihnachtsbaum im Treppenhaus war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Die farbigen Bänder und die unnatürlich roten Kugeln stellten für ihn reinen Kitsch dar. Am meisten nervten ihn jedoch die künstlichen Lichter, die ihren billigen Glanz vierundzwanzig Stunden in eine tiefgefrorene Welt verströmten. Heute würde er diesem unsäglichen Spektakel ein Ende bereiten. Noch einmal lauschte er beim Vorbeigehen an der Tür der Familie Marti, um sicherzugehen, dass die ganze Bande vereint beim Nachtessen sass. Ja, ganz allein die Marti-Kinder waren dafür verantwortlich, dass dieses grüne Ungetüm im Aufgang zum ersten Stock stand und überallhin Tannnadeln versprühte.

Vorsichtig stieg er – ohne Licht zu machen – ins Parterre hinunter, zog seine schmutzigen Gartenhandschuhe an, griff nach dem dünnen Stamm und riss die ganze Bescherung samt Stromkabel aus der Halterung. Unverzüglich wollte er das Haus verlassen, als er vom Eingang her Geräusche vernahm. Geistesgegenwärtig vollzog er einen Richtungswechsel und flog trotz seiner geschwächten Glieder förmlich die Treppe hinauf. Seine Wohnung war als Zwischenablage zu gefährlich; so kam nur der Dachboden infrage. Umständlich schleifte er den unseligen Baum auf den schwach beleuchteten Dachboden. Unter einer alten Decke würde er den Baum verbergen, um ihn bei einer günstigen Gelegenheit unauffällig zu entsorgen. Mit Elan beförderte er den weihnächtlichen Firlefanz in die hinterste Ecke seines mit einem Holzrost abgetrennten Abteils. Erst jetzt konnte er sich hinsetzen und durchatmen. Ein Grinsen hatte sich auf sein Gesicht geschlichen: Die werden schöne Augen machen, wenn sie morgen feststellen, dass ihr weihnachtliches Prunkstück verschwunden ist!

Er war schon längere Zeit nicht mehr auf den Dachboden gestiegen. Unzählige Schachteln mit unbekanntem Inhalt, Möbelstücke, die er selbst gefertigt und nach dem Tod seiner Frau aus der Wohnung geschleppt hatte, und Säcke voller Ramsch lagen hier unsortiert herum. Als Schreiner hatte er vor Jahrzehnten für die Adventszeit einen filigranen Kerzenständer aus Kirschholz erschaffen und einen wurzelförmigen Christbaumsockel angefertigt. Doch nun lag alles unangerührt auf dem fleckigen Boden.

Sein Blick schweifte umher. Eine grüne Schachtel erregte seine Aufmerksamkeit. Die dicke Staubschicht darauf bestätigte seine Annahme, dass sie seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. Als er sorgfältig den Deckel anhob, kam ein sonderbares Tuch zum Vorschein, dessen mit Goldfaden durchwirkte Verzierung ihm irgendwie bekannt vorkam. Erwartungsvoll schlug er das Tuch beiseite und hielt verblüfft inne: In der Schachtel lagen hölzerne Krippenfiguren. Rasch griff er nach dem Mohrenkönig, dessen Krone zur Hälfte fehlte. Sein Bruder hatte dem Weisen aus dem Morgenland vor über sechzig Jahren unabsichtlich den Kopfschmuck zertrümmert. Der heilige Josef mit braunem Umhang stützte sich noch immer mühevoll auf seinen Stock und das Christkind streckte alle viere von sich, als hätte es soeben das Licht der Welt erblickt. Der unerwartete Fund versetzte ihn unvermittelt in eine andere Zeit, beförderte Bilder aus längst vergangenen Tagen in seinen Kopf. 

Als Kind durfte er am Nachmittag des Vierundzwanzigsten die Krippe bestücken, sobald der Weihnachtsbaum aus der allgegenwärtigen Kälte in die warme Stube geholt und prächtig geschmückt worden war. Der funkelnde Schmuck erstrahlte in einem satten Rot, das es ausschliesslich im Sortiment von Christbaumkugeln gab. Er vermeinte plötzlich den vertrauten Geruch von Tannennadeln wahrzunehmen. Noch einmal griff er in die Schachtel und förderte eine blaue Dose zutage, auf deren Deckel keck das Gesicht eines lachenden Kindes mit strahlenden Augen prangte. In dieser Dose pflegte seine Mutter die frisch gebackenen Zimtsterne zu verwahren, welche erst am Weihnachtsabend ihren Weg auf den festlich gedeckten Esstisch fanden. Auch seine Frau hatte die Dose Jahr für Jahr mit köstlichem Gebäck gefüllt. Irgendwann war die Dose jedoch auf dem Dachboden gelandet, genau wie die restlichen Weihnachtsutensilien auch.

Sorgfältig nahm er einen aus Strohhalmen zusammengefügten Stern aus der Schachtel. Ungewollt entschwand er von Neuem in die heilen Weihnachtstage seiner Kindheit. Doch auf einmal blieb sein Blick am zer­zausten Weihnachtsbaum in der Ecke hängen. Hatte tatsächlich er diesen Schaden angerichtet? Er konnte seine boshafte Tat nicht fassen und fühlte sich unvermittelt wie ein Dieb, der in ein Haus einbricht, während die Bewohner friedlich schlafen.

Vorsichtig beförderte er den geraubten Baum wieder an seinen angestammten Platz zurück. Fortan verband ihn mit diesem Baum ein Geheimnis, denn dank ihm hatte er seine Weihnachtsinsel unter dem Dach entdeckt. Er legte sogar heimlich am Weihnachtsabend in glänzendes Papier eingepackte Geschenke unter den Baum. In stiller Freude lauschte er von innen an seiner Haustüre und vernahm mit Genugtuung den Jubel der Nachbarskinder im Treppenhaus. 

Endlich hatte das Fest der Liebe in seinem Leben wieder einen Platz erhalten.  

Vom Schenken 

Schenke gross oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.

Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
sodass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.

Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
du selber bist.

Joachim Ringelnatz