Aktuelle Nummer 21 | 22 | 2018
30. September 2018 bis 27. Oktober 2018

Schwerpunkt

«Ich wollte gar nicht in die Mission»

von Martin Brunner

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort Mission hören? Weisse Missionare mit langen Bärten und Tropenhelm in Afrika? Kolonialisierung und Dominanz der Weissen in Lateinamerika? Tatsächlich verbinden viele diese Bilder mit dem Wort Mission, vor allem im kirchlichen Kontext. Die Missionsbegeisterung ab der Mitte des neunzehnten und bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hat dieses Image geprägt. Auch meines. Auf jeden Fall wollte ich als junger Mann lieber in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein als in der Mission. Mission klang mir zu verstaubt und war ein sperriger Begriff. Trotzdem landete ich als «Misionero» in Bolivien. Auf dem Weg dorthin musste ich viele Vorurteile revidieren.

Es geht um Begegnung …
Um was geht es in der Mission wirklich? Auf jeden Fall nicht darum, möglichst viele Mitglieder für die Kirche zu gewinnen. Das sagt auch Papst Franziskus in seiner Videobotschaft zum Fest des Heiligen Kajetan deutlich: «Gehst du, um jemanden davon zu überzeugen, katholisch zu werden? Nein, nein, nein! Gehe, um ihm zu begegnen, er ist dein Bruder (deine Schwester)! Das allein genügt.» Das scheint wenig zu sein. Einfach nur Begegnung? Gemeint ist eine bestimmte Art von Begegnung. Eine, die offen ist für das Wirken Gottes. In einer solchen Begegnung erkennen wir im Mitmenschen den Bruder oder die Schwester, mit denen sich Jesus identifiziert. Es handelt sich also um tief-menschliche Begegnungen. «Und wenn du ihm (dem Bruder red.) begegnest», fährt Papst Franziskus weiter, «dann macht Jesus den Rest.» 
Der erste und wirkliche Missionar ist und bleibt demnach Gott selber. Wenn Menschen, mögen ihre Hintergründe noch so verschieden sein, sich begegnen und über das austauschen, was das Leben trägt und ihm Sinn verleiht, dann wird Gottes Präsenz spürbar. 

… und hinausgehen
Es gibt nur noch wenige Missionarinnen und Missionare aus Europa. Die Leitung der Kirchen in Lateinamerika, Afrika und Asien haben längst Einheimische übernommen. Ist die Mission nun zu Ende? Ja, wenn damit die vom europäischen Überlegenheitsgefühl geprägte Mission gemeint ist, dann ist sie wirklich zu Ende. Das ist auch gut so. 
Hat nun die Kirche keine Mission mehr? Nein, überhaupt nicht, würde Papst Franziskus sagen. Ihm ist wichtig, dass sich die Kirche nicht in der Sakristei verkriecht. «Mir isteine ‹verbeulte› Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist» (EG 49). Bisher galt die Mission dem globalen Süden; für Papst Franziskus gilt sie für die ganze Kirche. 

Mission ist weltkirchliche Verbundenheit 
Vor wenigen Jahren war ich mit einem Gast, dem tansanischen Kapuziner Br. William Ngowi, mit dem Zug unterwegs. Wir sprachen angeregt über viele Themen der Kirche und des Glaubens, als er mir fast unvermittelt sagte: «Martin, vergiss nicht, wir beten das Vaterunser.» Ich war zuerst etwas erstaunt über diese Selbstverständlichkeit. Doch er wiederholte sich: «Martin, wir beten das Vaterunser.» Nun begriff ich, worauf er hinaus wollte. Unser wichtigstes Gebet wird im Plural gebetet, selbst dann, wenn ich ganz allein bin. Es kommt wohl niemandem in den Sinn, ein Vatermein zu beten. So beten wir immer in Gemeinschaft mit Menschen irgendwo auf der Welt. Das ist doch eine wohltuende Gewissheit und wichtig für unser Kirchenverständnis als Katholikinnen und Katholiken.

Diese Verbundenheit über alle kulturellen und geographischen Grenzen hinaus wird im Monat der Weltmission Oktober besonders gepflegt. Es ist immer wieder ermutigend zu erfahren, wie Gläubige in anderen Ländern versuchen, das Evangelium zu leben, sei es in Bangladesch, Burundi oder in den Amazonas-Diözesen Perus. Überall gibt es Frauen und Männer, die sich von Christus angesprochen fühlen und sich auf ihre je eigene Weise auf den Weg des Glaubens begeben. Wir können viel voneinander lernen. Mich beeindruckt immer wieder, wie Christen andernorts trotz vieler Widerstände und Hindernisse ihren Überzeugungen treu bleiben. In den jungen Kirchen erleben wir auch viel Elan und Fröhlichkeit. Das wirkt ansteckend. Diese Bereicherung tut unserer Kirche in der Schweiz gut.

Hinausgehen – Hoffnung teilen
Missio ist das Werk der Kirche, das diese universale Dimension der Kirche wachhält. Um die Vielfalt der Kirche aufzuzeigen stellt Missio jedes Jahr eine Gastkirche vor. Dieses Jahr sind es die beiden Apostolischen Vikariate, Bistümer im Aufbau, Requena und Iquitos in Peru. In diesen weitläufigen Gebieten weitab von den Zentren spielt die Kirche eine wichtige Rolle, auch wenn sie dort mit sehr knappen personellen und materiellen Ressourcen auskommen muss. Das Leben im peruanischen Amazonasgebiet wird durch die Flüsse bestimmt. Sie sind die Lebensadern dieser Region. 
Engagierte Frauen und Männer tragen dort durch ihr Beispiel die Liebe Gottes zu den Menschen. Sie scheuen sich nicht vor stunden- und tagelangen Bootsfahrten und setzen sich ein, auch wenn sie wissen, dass längst mehr getan werden müsste. Sie bauen Gemeinschaft auf, sorgen sich um Kinder und Jugendliche, um die Gesundheit der Menschen in den weit verstreuten Dörfern und kümmern sich um die Menschen am Rand der Gesellschaft. Weil sie sich nicht entmutigen lassen, schaffen sie Hoffnung. Diese Haltung inspirierte das Thema des diesjährigen Monates der Weltmission: «Hinausgehen, Hoffnung teilen».

Eine einzigartige Aktion
Die Kirche ist eine Gebets-, Lern- und eine Solidaritätsgemeinschaft. Deshalb veranstaltet sie am Weltmissionssonntag eine weltweite Sammlung. Alle Bistümer der Welt machen mit, auch die ärmsten. Das ist eine Frage der Würde. Die Katholikinnen und Katholiken aller Länder sind zuallererst Geber. Es kommt nicht darauf an, wie viel sie beitragen können, sondern, dass sie etwas beitragen. Aus diesem Fonds werden Projekte in den ärmsten Bistümern unterstützt. 
In der Schweiz ist Missio eine Stiftung der Bischofskonferenz. Es gibt Missio aber in mehr als 120 Ländern. Alle unterstützen sie diese aussergewöhnliche Aktion. Wir schätzen, dass sich jeweils über 100 Millionen Katholikinnen und Katholiken daran beteiligen. Heute nennt man das Crowd-Funding. Das Geld gelangt über einen Verteilschlüssel direkt in die entsprechenden Länder. Die diplomatischen Vertretungen des Vatikans, die Nuntiaturen, sind dabei eine grosse Hilfe. Dank ihnen können wir auch die Kirchen in Syrien oder im Süd-Sudan unterstützen. Die enge Zusammenarbeit der Missio-Stellen in der ganzen Welt verhindert Verdoppelungen oder dass ein Bistum leer ausgeht, nur weil es keine guten Verbindungen nach Europa hat.  

 

 

Martin Brunner Artho

Martin Brunner-Artho ist in Rüttenen und Solothurn aufgewachsen. Er war als Pastoralassistent in Bellach und als Co-Gemeindeleiter in Langendorf tätig. Mit seiner Familie war er mit der Bethlehem Mission Immensee (CoMundo) in Bolivien und Kenia acht Jahre im Einsatz. Seit 2012 leitet er das Internationale Katholische Missionswerk Missio.