Aktuelle Nummer 13 | 14 | 2019
23. Juni 2019 bis 20. Juli 2019

Zu Nazareth geboren?

von Stephan Kaisser

König David stammt aus Bethlehem, deshalb soll der Messias in dieser Stadt geboren werden. So sieht es der Prophet Micha: Aber du, Bethlehem-Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. (Mi 5,1) und mit ihm viele Juden. Einige Historiker behaupten heute, dass Jesus in Nazareth geboren wurde und sein Geburtsort später nach Bethlehem verlegt wurde, um ihn gegenüber den Juden als Messias zu verkünden. Bedeutet das, dass die Historiker, die behaupten, Jesus sei in Nazareth geboren, es besser wissen als die Evangelisten? 

Matthäus und Lukas schreiben beide, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen, aber in Bethlehem geboren ist. Bei den anderen beiden Evangelisten Markus und Johannes lesen wir nur von Jesus von Nazareth. Sie erzählen gar nichts von Geburt und Kindheit Jesu. Es stellt sich die Frage, wie bei Matthäus und Lukas Jesus von Nazareth zum Geburtsort Bethlehem kommt.

Differenzen und Gemeinsamkeiten
Die Geburtsgeschichte nach Lukas ist uns wahrscheinlich geläufig: Maria und Josef wohnen in Nazareth, wo Maria durch einen Engel die Geburt Jesu angekündigt wird. Es folgt die Begegnung zwischen Maria und Elisabet, bei der Maria das Magnificat singt. Durch den Erlass des Kaisers Augustus kommt es zur Reise von Nazareth nach Bethlehem, wo Jesus im Stall geboren wird, weil in der Herberge kein Platz war. Die Hirten kommen, um Jesus anzubeten. Nach der Beschneidung Jesu und dem Erstlingsopfer im Tempel mit Zeugnis des Simeon und der Hanna geht die Reise mit dem Jesuskind wieder zurück nach Nazareth. Dort wächst Jesus bei seinen Eltern auf.

Ganz anders sieht es bei Matthäus aus:
Josef und Maria wohnen noch nicht in Nazareth, sondern in Bethlehem in einem Haus. Dort lebt Maria auch während ihrer geistgewirkten Schwangerschaft, die von einem Engel dem Josef erklärt wird. Dann wird Jesus geboren, und die Weisen kommen von einem Stern geführt, um Jesus zu huldigen. «Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.» Mt 2,11 Dann erscheint wieder dem Josef ein Engel, der ihn mit Familie nach Ägypten schickt, um dem Kindermord des Herodes zu entgehen. Nach dessen Tod kehren sie wieder auf Weisung des Engels an Josef nach Israel zurück, lassen sich jetzt aber nicht mehr in Bethlehem nieder, sondern neu in Nazareth.

Zwei ganz unterschiedliche Geburtserzählungen, die wir gerne in unseren Krippenspielen und -darstellungen synchronisieren und harmonisieren. Da lassen wir die Drei Könige, zu denen die Sterndeuter wurden, nach den Hirten auch zum Stall kommen. Und der Esel, der Maria von Nazareth nach Bethlehem trug, kann später auf der Flucht vor dem König Herodes nach Ägypten gute Dienste leisten. Die Figur des Josef, bei Matthäus ganz wichtig, wird zugunsten von Maria, die bei Lukas zentral ist, ins Abseits gestellt.

Wer hat nun recht Lukas oder Matthäus oder vielleicht der nüchterne Historiker, der aus dem Namen Jesus von Nazareth auch auf einen Geburtsort Nazareth schliesst?

Wahr und bedeutsam 
Lukas und Matthäus erzählen Wahres, Bedeutsames! Allerdings geht es nicht um einen historisch exakten Bericht, sondern um Glaubensverkündigung, die Aussagen zur Bedeutung der Person Jesus macht. So sind bestimmte theologische Grundaussagen auch identisch: Geburt in Bethlehem (von wo auch David stammte) zur Zeit des Königs Herodes, Deutung der Schwangerschaft Marias durch einen Engel als Geist­empfängnis, Abstammung Jesu von David, von dem der Messias abstammen soll und wie gesagt die Jugend Jesu in Nazareth. Daneben gibt es unterschiedliche Motive, in denen die nachfolgenden Aussagen des jeweiligen Evangeliums schon angedeutet sind. So wie in einem Präludium die nachfolgenden Themen des Musikstückes bereits anklingen.

Matthäus stellt Jesus als zweiten Mose dar 
Er zeigt einige Parallelen zur Heilsgeschichte Israels: Der träumende Josef erinnert an Josef, den Lieblingssohn Jakobs. Wie Mose im Binsenkörbchen den Kindermord, angeordnet durch den Pharao, überlebt, so entgeht Jesus durch die Flucht nach Ägypten dem Massaker an kleinen Jungen, angeordnet durch Herodes. Und wie Mose kommt Jesus von Ägypten in das Gelobte Land. «Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.» (Mt 2,14) So ist dann bei Matthäus die zen­trale Rede die Bergpredigt, bei Lukas ist es eine Feldrede. Die Bergpredigt erinnert wiederum an den Berg Sinai, auf dem Mose die Thora verkündet. Ein anderer Akzent des Matthäus-Evangeliums ist die Erfüllung der alttestamentlichen Prophezeiungen. So klingt durch die Sterndeuter die Weissagung des Jesaja an: «Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen … Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern … wir wollen gehen im Licht des HERRN.» Jes 2,3 – 5 

Lukas stellt Jesus als Messias der Armen dar 
Der Aufbruch der hochschwangeren Maria von Nazareth nach Bethlehem, die Unterkunft und Geburt Jesu in einem Stall und der Besuch der Hirten, die als «Aussenseiter» galten, zeigt wie das ganze Evangelium des Lukas, dass den Armen die besondere Zuwendung Gottes gilt. Die Gleichnisse vom reichen Kornbauern Lk 12,16 – 21 sowie vom reichen Mann und dem armen Lazarus Lk 16,19 – 31 kommen nur bei Lukas vor. Wo es bei Matthäus in der Bergpredigt heisst: «Selig die Armen vor Gott» Mt 5,3, ergänzt Lukas: «Aber weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten» Lk 6,24. Anscheinend war das Verhältnis Arme und Reiche in der lukanischen Gemeinde ein wichtiges Thema und Lukas macht deutlich: Jesus hat bei denen am Rande der Gesellschaft den ersten Platz und sie bei ihm. Auch im Magnificat der Maria klingt diese Thematik bereits an: «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» Lk 1,52f 
Daneben ist für Lukas Jerusalem und insbesondere der Tempel wichtig. Die Verkündigung an Zacharias Lk 1,5 – 25 und die Prophezeiungen von Simeon und Hanna über Jesus Lk 2,21– 38 finden hier statt. Von Anfang an ist der Tempel die Mitte der Jesus-Bewegung. Auch die ersten Kapitel der Apostelgeschichte, die auch von Lukas stammt, spielen sich rund um den Tempel ab.

Ob aus rein historischer Sicht Jesus nicht doch in Nazareth geboren wurde, lässt sich nicht sicher bejahen oder verneinen. Aber dass Bethlehem in das theologische Konzept des Lukas und des Matthäus passt, ist kein Argument gegen Bethlehem. So halte ich es gerne mit Angelus Silesius, der den physischen Ort der Geburt Jesu als zweitrangig betrachtet: «Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest ewiglich verloren.» Jesus ist zu allen Menschen Mt und besonders zu den Armen Lk gesandt, damit wir ihn in unserem Herzen aufnehmen und so die Welt heller und gerechter machen.