Aktuelle Nummer 26 | 2018
09. Dezember 2018 bis 22. Dezember 2018

Die Schlange in der Wüste

Gedanken zum Sonntag, 11.März 2018 

Vierter Fastensonntag (Buch Numeri 21,4-9, Johannesevangelium 3,14-21)

An einem solchen Ort kann einem eine Schlange wahrhaftig einen Schrecken einjagen!

Als das Volk Israel unter der Führung von Mose durch die Wüste zog, blieb es nicht beim Schrecken. Viele starben an den Bissen von Giftschlangen. Daraufhin fertigt Mose eine Kupferschlange an und hängt sie an einer Fahnenstange auf. Für jene, die zu dieser Schlange aufblicken, hat der Biss keine tödliche Wirkung mehr. Die Schlange wird zum Heilmittel (Num 21,4-9).

An dieses Bild knüpft der Evangelist Johannes an (Joh 3, 14-21), wenn er den am Kreuz „erhöhten“ Christus mit der Kupferschlange an der Fahnenstange in Beziehung setzt. Da steigen in mir beim Lesen spontan gleich mehrere recht bohrende Fragen auf:

Der Blick auf die Kupferschlange entzieht das Gift dem Körper desjenigen, der von der realen Schlange gebissen wurde; wie ist das Gift beschaffen, um das es sich in einem übertragenden Sinne handelt? In der Psyche? Welche Art von Tod könnte eintreten? Und wie vollzieht sich der Entgiftungsprozess, wenn ich den Blick erhebe zu dem am Kreuz Erhöhten?

Ganz eindeutig spricht Johannes nicht von einem physischen Tod. Er denkt an die Vergiftung der Seele und benutzt dafür ein paar Schlagwörter: Licht und Finsternis, die Wahrheit und das Böse. Wer das Böse tut (ich denke hier an krasse Lügen wie an scheinheiliges Verhalten), liebt die Finsternis und das Vertuschen von Tatsachen. Am Kreuz jedoch hängt die nackte Wahrheit bei vollem Tageslicht. Wer die Wahrheit tut – so Johannes – kommt zum Licht. Die Wahrheit zu kennen, das reicht nicht.

Die Wahrheit in Wort und Tat, darum geht es. Es ist das, was Jesus uns vorgelebt hat. Er war ein lichter Mensch, ganz transparent. Viele Menschen seiner Zeit waren davon geradezu fasziniert und erlebten ihn als das Licht. Das Böse jedoch scheut das Licht, heute wie damals. So versuchte man, es auszulöschen durch den physischen Tod am Kreuz. Eine Tragödie! Das Erschreckende daran: sie wiederholt sich bis heute.

Wir bleiben aufgefordert, transparente wahrhaftige Menschen zu werden, Licht verbreitend. Auch auf die Gefahr hin, dass uns dadurch Nachteile erwachsen. Von aufsteigenden Hass- und Rachegefühlen im vielfach wüstenhaften Alltag kann der Auf-Blick zum Erhöhten am Kreuz unsere Seele entgiften.

Darum geht es, um die Seele und ihr lichtvolles Leben, das nicht sterben darf.   

Ingrid Grave ist Dominikanerin in Zürich, wo sie in der Seelsorge engagiert ist