Wann bekommt die Schweiz wieder einen Kardinal?
Schweiz hat nun nur noch einen Kardinal, Kurt Koch. Wie sehen Sie die Chance, dass die Schweiz in den kommenden Jahren wieder einen Kardinal bekommt?
Lorenzo Planzi*: Eine ganz ähnliche Frage stellte sich bereits 1957. Damals wandte sich der Schweizer Bundespräsident Hans Streuli in einem privaten Gespräch an den Apostolischen Nuntius in Bern, Gustavo Testa.
Bundespräsident Hans Streuli war doch reformiert.
Planzi: Ja, und dass ausgerechnet ein reformierter Zürcher Bundespräsident dieses Thema aufgriff, verlieh der Frage besonderes Gewicht. Der Nuntius reagierte diplomatisch: Eine solche Ernennung würde nicht nur von Katholiken, sondern von den Reformierten als Auszeichnung verstanden werden. Doch trotz dieser Erwartung wurde während des langen Pontifikats von Pius XII. kein Schweizer Kardinal ernannt. Die letzten Päpste – Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus – haben hingegen Schweizer in das Kardinalskollegium berufen, und auch Papst Leo XIV. könnte diesen Weg einschlagen.
Es könnte also bald wieder einen Schweizer Kardinal geben?
Planzi: Es spricht vieles dafür, dass zunächst andere Kirchenzentren im Vordergrund stehen: grosse Metropolen wie Paris, Mailand, Wien, New York oder Buenos Aires. Die Schweiz verfügt allerdings mit Kurt Koch bereits über eine prägende Stimme in der Weltkirche. Und doch sind Überraschungen nicht ausgeschlossen.
Welcher Typ Bischof ist heute «kardinalsfähig»?
Planzi: Eine eindeutige Antwort lässt sich kaum geben – zu sehr hängt dies von den kommenden Konsistorien und den Prioritäten des Papstes ab. Fest steht jedoch: Ein Kardinal muss nicht zwingend schon Bischof sein. Der Papst kann ebenso Priester oder Ordensleute berufen – etwa wie im Fall des Franziskaners Raniero Cantalamessa. Immer deutlicher zeichnet sich dabei ein Perspektivenwechsel ab.
Inwiefern?
Planzi: «Kardinalsfähigkeit» bemisst sich weniger an einer formalen Position als an einem Gesamtprofil: internationale Erfahrung, theologische Tiefe, pastorale Glaubwürdigkeit und vor allem die Fähigkeit, Brücken zu bauen. Alles spricht dafür, dass Papst Leo XIV. keinen abrupten Kurswechsel anstrebt, sondern seinen Weg schrittweise entwickelt.
Zu welchen Zeiten hatte die Schweiz Kardinäle – und wie viele?
Planzi: Kaum jemand würde erwarten, dass aus dem Gebiet der heutigen Schweiz insgesamt zehn Kardinäle hervorgegangen sind. Sie prägten ihre Zeit auf sehr unterschiedliche Weise. Aus dem Wallis stammt Matthäus Schiner (1465–1522), eine zentrale Figur der Zeit der Renaissance. Aus neuerer Zeit kommen Heinrich Schwery (1932–2021) und Emil Paul Tscherrig (1947–2026) hinzu. Genf brachte bedeutende Kirchenmänner hervor: Gaspard Mermillod (1824–1892), den Theologen Charles Journet (1891–1975) sowie den Dominikaner Georges Marie Cottier (1922–2016).
Aus der Deutschschweiz stammen der Benediktiner Benno Gut (1897–1970), der international bekannte Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) – der allerdings vor seiner offiziellen Kardinalserhebung verstarb – sowie Kurt Koch (1950). Hinzu kommt der Tessiner Kurienkardinal Gilberto Agustoni (1922–2017), für den derzeit ein Seligsprechungsverfahren läuft. So unterschiedlich ihre Aufgaben waren – Theologen, Diplomaten, Vermittler –, gemeinsam ist ihnen eines: Sie haben die Schweiz im Herzen der römischen Kirche sichtbar gemacht, weit über ihre geografische Grösse hinaus.
Welche Rolle spielt die Schweiz im aktuellen Pontifikat?
Planzi: Im Pontifikat Papst Leos XIV. scheint die Schweiz besondere Aufmerksamkeit zu geniessen. Ein sichtbares Zeichen dafür ist seine wiederholte Teilnahme an den Vereidigungen der Päpstlichen Schweizergarde. Die eigentliche Bedeutung der Schweiz liegt jedoch in der Diplomatie. Zwischen Bern und dem Heiligen Stuhl besteht ein Netz der Zusammenarbeit – besonders im humanitären Bereich. Gerade in dieser leisen, aber wirkungsvollen Kooperation zeigt sich heute einer der wichtigsten Beiträge der Schweiz zur internationalen Rolle der Kirche. (kath.ch)
*Lorenzo Planzi ist auf die Professur für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) berufen worden und tritt sein Amt im August 2026 an – als Nachfolger von Mariano Delgado. Gemeinsam mit Stephan Leimgruber gibt er den Band über «Kardinäle der Schweiz im Dienst der Weltkirche» heraus, der im September 2026 im TVZ Verlag erscheint.