Aktuelle Nummer 24 | 2022
20. November 2022 bis 03. Dezember 2022

«Ein wachsender Antisemitismus ist wieder zu spüren.»

«Am Mittagessen zuhause bei meinen Eltern wurde immer über Patienten und Krankheiten gesprochen – eigentlich sollte ich Ärztin werden», erzählt Verena Lenzen. Das lag durchaus nahe. Ihr Vater war Mediziner für innere Krankheiten. Ein Beruf, der ihr aber nicht unbedingt zusagte.

Die künstlerische Ader ihrer Mutter sprach sie da deutlich mehr an. Diese hatte an der berühmten Folkwang-Kunstakademie in Essen studiert und malte Akte und beschäftigte sich mit Mode-Design. «Da ich auch schon in meiner Kindheit viel zeichnete, wäre das eine Richtung gewesen, die mich interessiert hätte.»

Judengasse wurde umgetauft

Doch es kam ganz anders. Als neugieriges Kind, in Eschweiler im deutschen Aachen aufgewachsen, fiel ihr auf, dass es eine Judengasse gab. Und sie bemerkte später als Jugendliche «völlig irritiert», dass diese in den 1970-er Jahren plötzlich in Marktgasse umgetauft worden war. Auch entdeckte sie früh ihre Liebe zu jüdischen Schriftstellern wie Paul Celan, Heinrich Heine und Franz Kafka.

«Die Kindheit ist sehr wichtig und ich habe mich schon sehr früh für das Judentum interessiert», sagt rückblickend. Die Kindheit hat Verena Lenzen später übrigens nochmals eingeholt, als sie 1997 das Buch «Die Reise der Zikaden» herausgab. Sie illustrierte das Kinderbuch mit eigenen Zeichnungen. Es geht um die Geschichte des interreligiösen Dialogs am Beispiel von Tieren an einem Musikfestival für den Frieden. Da war sie als Wissenschaftlerin bereits habilitiert.

Zuvor hatte Verena Lenzen Judaistik, Katholische Theologie, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Bonn und Köln studiert. Nach dem Staatsexamen folgten 1987 die Promotion und 1995 eben die Habilitation an der Universität Bonn. 

Seit 2001 an der Uni Luzern

Am 1. Oktober 2001 schliesslich übernahm Verena Lenzen die Professur für Judaistik und Theologie / Christlich-Jüdisches Gespräch sowie die Leitung des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Universität Luzern.

Wenn einen die emeritierte Judaistik-Professorin am Haupteingang der Universität Luzern zum Gespräch in Empfang nimmt – just einen Tag nach ihrer Abschiedsvorlesung –, spürt man sofort, dass die Alma Mater am Vierwaldstättersee ihr neues Zuhause war. Für mehr als 20 Jahre. Hier hat sie sich wohlgefühlt.

Ein Zuhause, das sie jetzt deshalb nicht ohne Wehmut verlässt. «Die Wissenschaft war mir immer sehr wichtig im Leben», bekennt die lebenslustige Frau. Wobei sie sich nach ihrer Habilitation auch überlegt hatte, nach Paris oder Tel Aviv zu ziehen. Doch Luzern mit dem See und dem modernen Campus hatten es ihr schnell angetan.

Lieblingsstadt Tel Aviv

Denn all die Jahre zuvor hatte sie seit ihrem 20. Lebensjahr im Rahmen verschiedenster Forschungsprojekte immer wieder viel Zeit in ihrer absoluten Lieblingsstadt verbracht: Tel Aviv. «Am Meer gelegen öffnet einem diese moderne Stadt den Blick», gerät Verena Lenzen sofort ins Schwärmen. Sie sei von Juden verschiedenster europäischer Herkunft herzlich aufgenommen und wie eine Tochter behandelt worden.

«Ich hatte in Tel Aviv, wo es ja viel moderne Architektur zu bestaunen gibt, fast 20 Jahre lang eine eigene Wohnung.» Sie schätzte die Lebenslust und die Offenheit der Menschen in Tel Aviv. «Jerusalem ist auch eine schöne Stadt, aber dort herrscht eine viel ernstere Stimmung.»

«Tief in die Gesellschaft hinein»

Die deutsche Geisteswissenschaftlerin setzte sich nicht nur akademisch für eine Förderung des jüdisch-christlichen Dialogs ein. Es war ihr stets ein Anliegen, dass der jüdisch-christliche Dialog aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft «tief in die Gesellschaft hinein» getragen wird.

Von 2002 bis 2016 war sie Vizepräsidentin der Gesellschaft Schweiz-Israel, Sektion Zentralschweiz. Seit Februar 2002 hatte sie das Co-Präsidium der Jüdisch/Römisch-Katholischen Gesprächskommission inne – einer Kommission, von der man wenig hört, aber die es trotzdem noch gibt. Auch wenn die Hinweise auf der Website der Bischofskonferenz nicht mehr ganz aktuell sind.

Bundesverdienstkreuz verliehen

2004 wurde Verena Lenzen vom damaligen Bundespräsidenten Deutschlands, Johannes Rau, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Damit wurden ihre wissenschaftlichen Leistungen, ihre Verdienste im Bereich der Verbesserung der jüdisch-christlichen Beziehungen und ihr Einsatz für die Gleichberechtigung der Frau in Wissenschaft und Gesellschaft gewürdigt.

Wie ist es denn in Deutschland mit seiner furchtbaren Holocaust-Vergangenheit gegenwärtig um die Lebenssituation von Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft bestellt?

«Deutschland ist sicher ein sehr vielfältiges Land, aber ein wachsender Antisemitismus ist wieder zu spüren», stellt sie klar. Der Judenhass würde neue Masken tragen. «Unter den Nationalsozialisten war er biologisch-rassistisch motiviert», so Lenzen. Heutzutage trete der Antisemitismus in Gestalt eines islamischen Fundamentalismus oder als Fremdenfeindlichkeit getarnt auf.

Möchte Auschwitz noch besuchen

Man müsse den Holocaust weiter historisch analysieren. «Denn der Holocaust ist auch heute noch nicht in seiner abgrundtiefen Bosheit und Barbarei erforscht», ist Lenzen überzeugt. Man dürfe unter den Völkermord an den Juden in keinem Fall einen Schlussstrich ziehen, sondern müsse aus der Vergangenheit lernen. Die KZ-Gedenkstelle in Auschwitz möchte sie noch besuchen.

«Dabei ist vor allem für uns zu begreifen, dass in der jüdischen Kultur die Vergangenheit und die Erinnerung eine zentrale Rolle spielen, dass quasi aus der Vergangenheit heraus gelebt wird», erklärt die Judaistik-Professorin.

Wobei sie versichert, dass sie gerade bei ihren Studierenden der Judaistik gespürt habe, wie sich junge Menschen diesem Thema gegenüber öffnen, intellektuell und spirituell vertiefen. «Ich wünsche mir auch, dass man in Zukunft wegkommt von verallgemeinernden Bezeichnungen wie «der Jude» oder «die Juden». Sie plädiert dafür, dass der christlich-jüdische Dialog verstärkt auf einer persönlichen Ebene stattfindet: «Um sich besser kennen zu lernen.»

Für Ökumene öffnen

Gleichzeitig wünscht sie sich, dass der interreligiöse Dialog weiter im Sinne der Ökumene geöffnet wird. Papst Franziskus hatte Verena Lenzen ja bereits in diesem Sinne am 1. Juli 2019 zur Konsultorin der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum ernannt. Und im Juni 2021 wurde sie von der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) als Mitglied der Kommission für Theologie und Ökumene (TÖK) gewählt.

Wohl auch deshalb will sie sich nicht zum aktuellen Konflikt rund um Kurienkardinal Kurt Koch äussern. Der Schweizer ist im Vatikan nicht nur für die Ökumene zuständig – sondern auch für die Beziehungen zum Judentum.

Der Basler Jude David Klein wirft Koch vor, für einen innerkatholischen Kampf den Nationalsozialismus zu instrumentalisieren. Auch die deutsche Bundesregierung zeigte sich alarmiert. Verena Lenzen indes schweigt hierzu.

Ermordung Rabins ein grosser Schock

Und was ist mit dem Nahostkonflikt? Die Ermordung des Friedenspolitikers Yitzhak Rabin 1995 sei ein gewaltiger Schock gewesen. «Seitdem ist kein Ende der politischen Sackgasse abzusehen. Es müssen sicher von beiden Seiten Kompromisse gemacht werden, um den Weg eines dauerhaften Friedens einschlagen zu können.»

Verena Lenzen, deren Emeritierung ihr nun ebenfalls einen neuen Lebensweg eröffnet, kann sich nun wieder mehr ihren Hobbys widmen. «Ich fotografiere gerne, vor allem Landschaften und Architektur. Ausserdem schreibe ich Gedichte.»

Und was ist mit ihrer grossen Liebe zu Tel Aviv? Wird sie Luzern irgendwann doch noch den Rücken kehren? «Es ist viel möglich», bekennt die Wissenschaftlerin und lächelt. «Doch Luzern ist eine unheimlich schöne Stadt, und wahrscheinlicher ist es, dass ich dem Dreieck Deutschland-Schweiz- Israel auch in Zukunft treu bleiben werde.» Sagt die Flachländerin und lässt ihren Blick schweifen über die grandiose Szenerie am Hafen – mit den historischen Dampfschiffen im Vordergrund und der majestätischen Alpensilhouette dahinter. (kath.ch)