Aktuelle Nummer 24 | 2021
21. November 2021 bis 04. Dezember 2021

Schwerpunkt

Die Gefahr, sich selbst zu verlieren

von Reto Stampfli

Die Begegnung mit dem Philosophen Søren Kierkegaard kann irritieren. Der dänische Denker fordert von jedem Einzelnen nichts weniger als eine «existenzielle Wahl», die schlussendlich darüber entscheidet, was für ein Mensch man sein oder werden wolle.  

Kaum ein anderer hat wie Søren Kierkegaard (1813–1855), der Kaufmannssohn aus Kopenhagen, die Welt erlitten. Nicht, dass das Leiden an sich für ihn erstrebenswert gewesen wäre; nein, es war Kierkegaards unumstössliche Grundhaltung, welche ihm das Leben fernab von sämtlichem Zuckerguss zu einem ständigen Reflektieren und Fussfassen machte. Aus der heutigen Perspektive könnte man konsultieren, der melancholische Däne habe sich selber ein Brett vor den Kopf gezimmert, denn immer wieder hat er es fertiggebracht, die aussichtsreichsten Situationen zu «vertölpeln». Er sah sich selbst regelmässig dem Spott ausgesetzt und hat seine Liebe zur schönen Regine Olsen einer so schwierigen Prüfung unterzogen, dass das ganze Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Sein Hauptwerk trägt den Titel «Entweder –Oder». Entweder – oder, diese Konstellation birgt den Aufruf zu einer Entscheidung in sich. Genau dieses unvermeidliche Entweder – oder, welches auch uns jeden Tag von neuem herausfordert; jene Verantwortung, die auf uns lastet, jedoch andererseits nichts Geringeres als den Urquell unserer eigenen Freiheit darstellt. Kierkegaard ist felsenfest davon überzeugt: Die Frage nach dem Selbst ist die wichtigste Frage im Leben eines Menschen. Und die Gefahr besteht, wie er in seinem 1849 erschienenen Werk «Die Krankheit zum Tode» eindrücklich ausführt, dass man in der heutigen Welt gerade das eigene Selbst aus den Augen verliere. Auch die bisherige Philosophie habe zur Beantwortung dieser fundamentalen Frage wenig beigetragen: «Es ist zum Lachen wie zum Weinen, ... wenn man sieht, dass all dieses Wissen und Verstehen nicht die geringste Macht über das Leben der Menschen ausübt.»

Inlandreisen
Kierkegaard, ein Dandy und genialer Sonderling, der vom Erbe seines Vaters lebte, unternahm nach eigenen Worten «Inland­reisen» in sein Bewusstsein, lotete die Seele in allen Höhen und Tiefen aus und inspirierte so später die Psychoanalyse. Er bringt uns dieses Phänomen in seinen zahlreichen Büchern in eindringlichen Bildern näher. Er selbst hat es sich mit dieser zentralen Frage nicht leicht gemacht. Das hat ihm bereits in jungen Jahren das Leben gekostet, jedoch dieses auch erst in seiner immensen Intensität ermöglicht.

Kierkegaard stellte in seinem System zwischen 1843 und 1846 drei verschiedene Lebensweisen vor: die ästhetische, die ethische und die religiöse. Ästhetikerinnen und Ästhetiker streben danach, ein abwechslungsreiches Leben voller Lust im unmittelbaren Augenblick zu führen, ohne Verantwortung zu übernehmen, die ihre eigene Freiheit einschränken würde – was jedoch früher oder später in einer Sinnkrise endet. Der ethische Mensch, als nächstes Stadium, richtet sein Handeln an den allgemeinen Geboten der Menschlichkeit aus, was in gewissen Bereichen eine Einschränkung seiner Vollmacht mit sich bringt. Sowohl das ästhetische als auch das ethische Stadium des Lebens müssen in Richtung auf das religiöse Stadium überschritten werden. Die religiöse Erfahrung kulminiert für Kierkegaard in einer leidenschaftlichen Konfrontation mit den Problemen der menschlichen Existenz. Im Glauben kann man sich selbst und die Welt gewinnen, «indem man bereit ist, alles zu opfern – wie es auch Jesus Christus am Kreuze tat».  

Theologische Einmannrevolution
Kierkegaard propagierte den persönlichen Zugang zum Christentum und legte sich in Dänemark mit der protestantischen Amtskirche an. Eindrücklich wird dieses Ringen in Joakim Garffs knapp 1000-seitigen Kierkegaard-Biografie beschrieben. In der Einleitung berichtet ein hoher Kirchenvertreter von der Beerdigung des früh verstorbenen Philosophen: «Wie taktlos seitens der Familie, ihn an einem Sonntag zu begraben, genau zwischen zwei Gottesdiensten, von der Hauptkirche des Landes aus, man kann es sich kaum vorstellen.»    

Doch auch in der Philosophie eckte er an. Er ordnete den Glauben nicht – wie in der philosophischen Tradition üblich – der Vernunft unter, vielmehr war er bestrebt, den Glauben zu emanzipieren. Radikal betont er dieses Wagnis des Glaubens, das er mit der missverständlichen Formel vom «Sprung in den Glauben» umschrieb, der aber als Befreiungsschlag gegenüber ethischen, erkenntnisbezogenen Glaubensbegriffen verstanden wird. Für die Philosophen des deutschen Idealismus, die in Berlin, der Welthauptstadt der Philosophie, lehrten und wo sich auch Kierkegaard 1842 einige Monate aufhielt, waren solche Äusserungen ein Skandal. Sätze wie: «Der Glaube ist das Grösste und Schwerste» oder «Der Glaube beginnt gerade da, wo das Denken aufhört», wurden von ihnen als religiöse Schwärmerei abgetan. Kierkegaard hatte jedoch eine ganz andere Absicht, wenn er vom «Untergang des Verstandes» spricht, denn er will lediglich seine Grenzen aufweisen.

Kierkegaard ist der Denker des Paradoxen. Dazu vermerkte er selbst: «Wo Leben ist, ist Widerspruch.» Das betrifft natürlich auch das moralische oder ethische Leben. Der Widerspruch dieser moralischen Lebensform besteht eben in einerseits der Freiheit und andererseits dem Pflichtcharakter. Mit dieser Haltung ist er bis heute erstaunlich modern geblieben. Er sagte nie: «Alles ist möglich. Es gibt keine Verbindlichkeiten.» Ganz im Gegenteil. Er hat eine eigene Pflichtlehre vertreten, deren Kunststück es ist, beide Seiten zusammenzubringen.

Nachhall
Kierkegaards Einfluss auf die europäische Kulturgeschichte ist immens: Nicht nur Dichter wie Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Robert Musil, Max Frisch, Samuel Beckett oder Thomas Bernhard wurden von ihm inspiriert. Auch Philosophen wie Karl Jaspers, Martin Heidegger oder Jean-Paul Sartre bezogen sich auf ihn. Sartre formulierte später ganz im Geiste Kierkegaards: «Der Mensch ist das, was er aus sich macht.» Kierkegaard entwickelte ein Menschenbild, nach dem jeder Einzelne im Vertrauen auf seine Fähigkeiten und Möglichkeiten alle wesentlichen Entscheidungen bewusst treffen und damit die Verantwortung für sich selbst und sein Handeln übernehmen sollte. Diese Grundkonstante schmeichelt uns Menschen als selbst bestimmende Wesen, setzt uns aber auch einer oft schier übermenschlichen Herausforderung aus. Kierkegaard öffnet eine Türe, doch was sich im Raum dahinter verbirgt, ist nicht abzuschätzen. Erst wenn man sich nicht mehr mit anderen vergleicht und misst, sondern sich selbst als Geschenk Gottes begrifft, kann man glücklich werden: «Was ist Freud, was ist froh sein? Es ist, dass man in Wahrheit sich selbst gegenwärtig ist.» Jeder Mensch muss entscheiden, welchen Sinn er seinem Leben geben will, sonst verliert er sich selbst. Das kann zu einer Reise zu sich selbst werden, doch es gehört eine grosse Portion Mut dazu!  

Clare Carlisle: Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard. Klett-Cotta. Stuttgart 2020.
Joakim Garff: Kierkegaard. dtv Biographie. München 2005.

1813 5. Mai: Søren Kierkegaard wird in ­Kopenhagen als Sohn eines Kaufmanns geboren.

1830 An der Universität Kopenhagen studiert Kierkegaard Theologie und Philosophie.

1834 Tod der Mutter.

1837 Kierkegaard lernt Regine Olsen kennen.

1838 Tod des Vaters.

1840 Kierkegaard beendet sein Studium mit dem theologischen Staatsexamen. Er verlobt sich mit Regine Olsen.

1841 11. Oktober: Kierkegaard löst die Verlobung mit Regine Olsen auf. Anschliessend verlässt er Dänemark und begibt sich nach Berlin.

1842 Im Frühjahr kehrt Kierkegaard nach Dänemark zurück und lebt fortan als freier Schriftsteller in Kopenhagen. Er publiziert z.T. scharfe Polemiken gegen das zeitgenössische Christentum, vor allem in Gestalt des ­Bischofs Jakob Peter Mynster.

1843 Es erscheinen «Entweder-Oder» unter dem Pseudonym Victor Eremita, «Furcht und Beben» unter dem Pseudonym Johannes de Silentio und «Die Wiederholung» unter dem Pseudonym Constantin Constantius.

1850 «Einübung in Christentum» unter dem Pseudonym Anti-Climacus.

1855 Von Mai bis September erscheint in zehn Nummern die Zeitschrift «Der Augenblick», in der Kierkegaard seinen Kampf gegen die dänische Kirche fortsetzt.

11. November: Kierkegaard stirbt in Kopenhagen.