Aktuelle Nummer 24 | 2021
21. November 2021 bis 04. Dezember 2021

Schwerpunkt

Jugend im Plural

von Stephan Leimgruber

Heutige Jugendliche lassen sich nicht in einen Topf werfen. Ihre Lebensschwerpunkte sind ­zunehmend unterschiedlich. Jugendliche haben auch untereinander nicht dieselben Meinungen, und sie leben recht verschieden und vertreten ihre Lebensauffassungen dezidierter als die ­Jugendlichen vor fünfzig Jahren und früherer Generationen. Die heutige Jugend zeigt sich ebenso farbig und ­plural wie die Erwachsenen. Zugenommen hat der Anteil immigrierter junger Frauen und Männer in der zweiten und dritten Generation. Die Frage ergeht an Christinnen und Christen: ­Können wir das ­einfach so stehen lassen? Können wir sie zunächst einfach mal annehmen, wie sie sind und wie sie sich uns zeigen? 

Vereinfacht geht das etwa so: Da sind junge Menschen mit einem Schwerpunkt auf dem Sport. Sie trainieren häufig und tragen Wettkämpfe aus – auch am Sonntagmorgen. Da sind eher künstlerisch-musisch Begabte, die in ihrer Freizeit ihren Hobbys nachgehen. Häufiges Üben in Gruppen oder solo ist gefordert, wenn man vorankommen will. Da gibt es familienorientierte Jugendliche und Leseratten, die eher in der Stille zu Hause auf der Couch liegen und ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen. Da sind die «digital natives», in einer digitalen Welt gross Gewordene. Das sind praktisch alle, die der Kommunikation in den sozialen Medien besondere Aufmerksamkeit widmen und nicht mehr ohne Handy sein können. Und da gibt es eine ansehnliche Gruppe, die umweltethisch Verantwortung übernimmt, einen strengen Lebensstil im öffentlichen Verkehr pflegt, die sich gegen Abfall und Verschwendung einsetzt und kein E-Bike fährt. Nicht an letzter Stelle gibt es eine Gruppe religiös sensibler Jugendlicher, die die Bibel lesen, gewisse Gottesdienste besuchen, bestimmte Lieder hören und singen und sich in einer Jugendgruppe aufgehoben fühlen. Und es gibt immigrierte Jugendliche, die häufig miteinander die Freizeit verbringen und auch schon mal ratlos sind, was ihre Zukunft und eine mögliche Berufslehre betrifft. Die Reihe wäre fortzuführen. Nicht selten haben Jugendliche eine völlig ausgebuchte Agenda (natürlich auch im Handy) und ringen um die eigene Freizeit und Stille, um zu sich zu kommen.

Plurale Lebenswelten
Da es vom Beschriebenen viele Überlappungen gibt, hat man versucht, die Jugend neu zu untersuchen nach ihren Lebensstilen und Milieus: Es gibt dann Traditionsverwurzelte, Liberale, Konservative, Hedonisten, Neureligiöse, Alternative und so weiter. Das spezifische Milieu, in dem sie leben, gibt hier den Ausschlag. Wie immer man versucht, die heutige Jugend gedanklich zu fassen, eine überbordende Pluralität diverser Lebensstile, Grundhaltungen und Einstellungen treffen sich, sodass man nicht mehr sagen kann: Voilà, die heutige Jugend ist so und so. Stattdessen gilt es, diese Vielfalt als Reichtum anzuschauen und zu begrüssen. Es gilt gerade vom Kirchenpersonal aus, jungen Menschen in Offenheit und Unvoreingenommenheit zu begegnen. Sie sind letztlich alle originelle Abbilder des einen Schöpfergottes, gleich welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Die Olympischen Sommerspiele zeigen uns zudem auf, wie inklusiv mit Menschen mit Handicaps umzugehen ist. Die Devise lautet: Gemeinsam sind wir stärker («together stronger»). Ja, akzeptieren wir junge Menschen, wie sie sind, mit ihren Kleidern und Frisuren, mit ihren Akzenten und Herkunftsländern, mit ihren Biografien und Lebensgeschichten. Versuchen wir, ihren guten Willen herauszufinden und zu sehen, dass auch sie nach Anerkennung in und von der Gesellschaft lechzen. 

Hat die Kirche die Jugendlichen verloren oder vergessen?
Ausgehend von der konstatierten Pluralität darf in einem Kirchenblatt gefragt werden, ob denn die Kirche den Kontakt mit den Jugendlichen noch sucht? Geht sie nicht zu leichtfertig aus den Schulhäusern und Jugendclubs heraus und zieht sich in die kuscheligen Pfarreiheime und Sakristeien zurück? Begnügt sie sich mit denen, die nach dem Psalmisten «alt und grau» sind, weil sie nicht reklamieren, nicht aufmüpfig daherkommen und die kirchlichen Würdenträger nicht kritisieren. Geht sie noch dorthin, wo sich die Strassen kreuzen oder begnügt sie sich mit den Gottesdiensten für die Leute sechzig oder siebzig plus, mit der antiquierten Kirchensprache, den Gratulationstouren für die Hundertjährigen und die knapp darunter, mit den Mittagstischen für die Seniorinnen und Senioren, die erwachsenenbildnerischen Angebote im Pastoralraum ebenfalls für die älteren Mitmenschen? Gewiss, es gibt ausserschulische Katechese zur Erstkommunion und Firmung, da tut sich manches im Sinne guter Jugendpastoral, aber nach der Feier dieser Sakramente bleibt die Nachsorge aus.  

Wertschätzung unter neuen ­Umständen
Wir werden uns bewusst, dass wir bereits in der dritten Generation sind, in der es der Kirche nicht mehr gelingen will, den Glauben als hoffenden Lebensstil zu tradieren. Zumindest in vielen Ländern Europas und Nordamerikas. Trotz einiger Mühen scheint christliche Sozialisierung problematisch geworden zu sein, sogar unerwünscht. Grossmehrheitlich wachsen junge Menschen ohne religiöse Begleitpersonen auf. Sie vermissen keine Gottesdienste und sind bei Abdankungen wie Fremde. Frequenz und Intensität des Betens nehmen ab. Gleichwohl kämpfen viele für ethische Werte wie Frieden, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Treue. Sie setzen sich nicht selten für Benachteiligte ein und haben ein Herz für Schwache.

Die heutige Jugend ist und lebt im Plural. Jugendliche lassen sich nicht gerne vereinnahmen und schon gar nicht bevormunden. Ihre persönliche Freiheit ist ihr hohes Gut. Versuchen wir doch ihre Fragen aufzugreifen, ihre Ideen nicht zu verwerfen und ihnen Wertschätzung zukommen zu lassen. Und wir dürfen uns freuen über Ministrantinnen und Ministranten, über kirchentreue Adoraj-Jugendliche und über junge Frauen und Männer, die eine Art zweite Bekehrung durchgemacht haben. Versuchen wir mit ihnen in den propagierten Synodalen Prozess 2021 – 2023 einzuschwenken! Vergessen wir dabei nicht die Jugendlichen! Jugendliche sind durchaus ansprechbar und weniger störrisch als vor 70 Jahren. Scheiben wir sie gerade als Kirche nicht ab! Fragen wir sie an für die Übernahme von Aufgaben und von Verantwortlichkeiten! Es ist noch nicht zu spät!   

Loretto Solothurn

Das Geistliche Zentrum (GZ) ist ein Haus im Kloster Visitation an der Grenchenstrasse 29 in Solothurn. Dank der Unterstützung der Bistumsleitung durften wir im Herbst 20 die neu renovierten Räume beziehen.

Unsere Sehnsucht war ein Ort des gemeinsamen Gebets und des Austausches, der Menschen mitten im Alltag Raum schafft, wo sie die Gegenwart Gottes erfahren und einfach «sein» dürfen. Unsere Angebote sind eine Ergänzung zum Pfarreileben. Das Herzstück des GZ ist der Gebetsabend am Mittwoch. Zusammen bringen wir mit moderner Lobpreismusik unsere Gebete vor Gott. Im Anschluss gibt es bei einem Apéro die Möglichkeit, sich auszutauschen.

Weitere Anlässe wie Impulstage zu geistlichen Themen oder VIP-Talks mit spannenden Gästen aus der Region stehen auch auf dem Programm. Im Sommer waren z. B. Generalvikar Markus Thürig und Abt Peter von Sury (Mariastein) bei uns zu Gast. Das GZ bietet vor allem jungen Menschen Gelegenheit, ihre von Gott geschenkten Talente zu entdecken und auszuleben. Besonders im Bereich Musik, Technik und Medien gibt es die Möglichkeit, bei uns mitzuwirken.

Tanja Pürro, Nathalie Pedretti, www.loretto.ch