Aktuelle Nummer 24 | 2021
21. November 2021 bis 04. Dezember 2021

Editorial

Gemeinsam gehen

Papst Franziskus erklärt den synodalen Weg als «gemeinsames Gehen». Er übernimmt damit das prägende Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die Kirche als «Pilgerndes Volk Gottes unterwegs» verstanden hat. Die Volk-Gottes-Theologie hat die Kirche als die Gemeinschaft aller Gläubigen beschrieben und sich abgegrenzt von der vorkonziliaren Klerikerkirche. Der Papst greift diese Konzilstheologie wieder auf, um erneut dem Klerikalismus entgegenzutreten, in dem er eine Wurzel von Missbrauch und kirchlichem Niedergang sieht. Damit dieses theologische Kirchenbild für alle Gläubigen erfahrbar wird, lanciert er den weltweiten synodalen Prozess. Es soll eine grosse Inszenierung der Katholischen Kirche als «Volk Gottes auf dem Weg» werden und in Form und Stil, in Spiritualität und Struktur, Katholizität auf neue Weise sichtbar und erlebbar machen. 

Doch dieses gemeinsame Gehen ist nicht einfach. Die Deutschen Katholiken könnten zu schnell gehen und die Probleme zu grundsätzlich angehen, sodass die Römer nicht mehr mitkommen. In der Schweiz sind viele schon gegangen, weil sie nicht mehr damit rechnen, dass sich in der Kirche etwas verändert. Andere möchten in eine andere Richtung gehen, weil sie sich an der Papstkirche des letzten Jahrhunderts orientieren. Und skeptische Menschen befürchten, dass schlussendlich nichts gehen wird und alles beim Alten bleibt. Sie sagen, die heissen Eisen seien längst bekannt, die synodale Form sei höchstens eine Modernisierung der monarchischen Kirchenstruktur und konservative Kardinäle würden eh jede Reform blockieren und mit Kirchenspaltung drohen.

Aber auch wenn vorerst alles beim Alten bleibt, verändert sich doch vieles, wenn Menschen miteinander sprechen und ein Stück Weg zusammen gehen, wenn Aufbruch und Bewegung sichtbar werden, wenn Fragen nach einem christlichen Leben diskutiert, wenn Jesus und seine Zuwendung zum Gesprächsstoff werden. Er hat keine Lehre verfasst, sondern mit den Menschen unterwegs gesprochen und so ihr Bewusstsein und ihren Glauben verändert. 

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim gemeinsamen Unterwegssein.

Kuno Schmid