Schwerpunkt

Ukrainischer Brückenbauer

Interview: Silvia Rietz

Pfarrer Volodymyr Horoshko stammt aus der Ukraine und kam vor fünf Jahren in die Schweiz. Seither arbeitet er in der Ukrainer-Seelsorge und seit Jahresbeginn zudem als Priester in der Bistumsregion Deutsch-Freiburg. Der Einmarsch der Russen in die Ukraine am 24. Februar überraschte und ­schockierte ihn. Von einem Moment zum anderen war er gefordert, weil die Heimat Lebensmittel und Medikamente brauchte. Neben der Seelsorge für die Landsleute erfüllt er eine Brückenfunktion als Vermittler zwischen denen, die Hilfsgüter sammeln und ­jenen, die sie in die Ukraine transportieren. 

Wie reagierten Sie und Ihre Familie auf den Kriegsausbruch?
Volodymyr Horoshko: Jeder von uns wollte sofort helfen. Oft verzweifelte ich, weil es schwierig und nie genug war. Da spürte ich Gott, der sagte: Leiste dein Möglichstes, dort, wo du gerade bist. Kraft dafür schenkt mir die grosse Solidarität mit der Ukraine, das gemeinsame Beten mit Schweizerinnen und Schweizern, Hilfsaktionen und Benefizanlässe. 

Wie begleiten Sie in die Schweiz ­geflüchtete Kriegsopfer?
Ich versuche, so oft als möglich bei ihnen zu sein, mit Informationen und Gesprächen als Seelsorger, Mensch und Freund, zu helfen. Dies ist wichtig, da sich Flüchtlinge in einem fremden Land einsam fühlen können. Oft entwickeln traumatisierte Kriegsopfer Traumafolgestörungen, die nur Fachstellen behandeln können. Wichtig ist, miteinander für den Frieden zu beten. In unserer Tradition bringen wir etwas Gutes zum Essen mit, sitzen nach der Liturgie zusammen und teilen, was wir haben. In der Gemeinschaft können sich die Familien austauschen, nützliche Tipps oder Ratschläge geben und fühlen sich dadurch nicht mehr so alleine. Die Ukrainer im Ausland und in der Heimat brauchen nicht nur humanitäre ­Hilfe, sondern auch seelischen Beistand und menschliche Zuwendung. Seit Juni feiere ich einmal im ­Monat in der Kapelle der Oltner Marien­kirche einen Gottesdienst mit den im ­Kanton Solothurn aufgenommenen Ukrainerinnen und Ukrainern. Anschliessend treffe ich mich mit ihnen zum Austausch. 

Sie arbeiten eng mit dem Verein «­Ukrainer in Bern» zusammen. ­Existieren über die Gottesdienste ­hinaus Projekte, bei denen Sie und Ihre Frau Irina sich engagieren?
Schon vor dem Krieg haben wir gut zusammengearbeitet und die Institution hat viele wertvolle Projekte organisiert. So wurden Wohltätigkeitsveranstaltungen für Waisenhäuser in der Ukraine durchgeführt. Auch da versuche ich, mein Möglichstes zu geben, Aktionen zu planen und zu bewerben. Derzeit bauen wir die ukrainische Schule «Ridne Slovo» auf. Hier werden ukrainische Kinder von Lehrerinnen unterrichtet, die aus der Heimat geflüchtet sind. Zudem leitet meine Frau eine ukrainische Pfadfinder-Organisation.  

Mitten in Europa herrscht Krieg: ­Familien werden auseinandergerissen, Tote und Verletzte sind zu beklagen, Lebenspläne, Hab und Gut werden ­zerstört. Fragen Sie sich nie, wie Gott die Gewalt zulassen kann? Wie können Sie den Opfern den Glauben an einen gütigen und gerechten Gott zurückgeben und stärken?
Indem ich mit den Menschen spreche und ihnen aufzeige, dass der Herr selbst in der schrecklichsten Not nahe ist. Er ist bei denen, die Unrecht erleiden. Ich versuche, den Kriegsopfern die liebevolle Gegenwart Gottes anhand seiner unzähligen Gaben zu verdeutlichen. Allein die Gnade, dass sie Bombenangriffe überlebten, zeigt sein Wirken. Wie auch die Tatsache, dass die Flüchtlinge von der Schweiz gastfreundlich aufgenommen wurden. Gott schafft Gelegenheiten und Chance für ein neues Leben. Ohne die Fürsorge des Herrn wäre dies nicht möglich. 

Wie veränderte der Krieg Ihren ­persönlichen Glauben?
Hat sich mein Glaube verändert? Ja, er ist stärker geworden! Ich spürte Gottes Gegenwart in den schrecklichsten Situationen menschlicher Selbstsucht, im Krieg. Ich habe gesehen, wie aus gewöhnlichen Frauen unermüdliche Freiwillige wurden, aus Männern mutige Soldaten und Kämpfer. Ich sehe, wie Menschen Eigeninitiative ergreifen, um das Land zu retten, dort wo der Staat versagt. Auch wenn einige internationale Politiker sich nicht getrauen, sich für die Wahrheit zu entscheiden, so ist doch Gott für uns da. Er gibt uns zu verstehen: Du bist nicht alleine, ich erinnere mich an dich. Es gibt ein Ende allen Leidens – dies schenkt Hoffnung, wider alle Hoffnungslosigkeit.

Wenn Sie zurückblicken, wie sind Sie in der Schweiz aufgenommen worden? ­Spürten Sie Befremden, weil Sie ein ver­heirateter Priester sind?
Meine Erfahrungen unterscheiden sich nicht von denen anderer Migranten: Auch ich musste bürokratische Hürden überwinden und lebte ein Jahr lang ohne meine ­Lieben, da ich zu wenig verdiente, um die Familie zusammenzuführen. Für das römisch-katholische Umfeld war schwer zu verstehen, dass ich ein verheirateter Priester bin. Da gab es viel Misstrauen und ich musste ständig erklären, dass die katholische Kirche nicht nur lateinisch ist, sondern aus mehr als zwanzig anderen Kirchen besteht, die ihre eigenen Traditionen, ­Kanons und Liturgien pflegen. Eine­ davon­ ist die ukrainische griechisch-katholische Kirche (UGKK). Die UGKK ist mit der römisch-katholischen Kirche uniert und erkennt den Papst als ihr geistliches Oberhaupt an. Die Landeskirche wird vom obersten Erzbischof  Sviatoslav Shevchuk (den wir in der Liturgie als Patriarch bezeichnen) gemeinsam mit der Bischofs­synode geleitet. Sie feiert den Gottesdienst nach byzantinischem Ritus, besser bekannt als orthodoxe Liturgie. Im Unterschied zu den Orthodoxen ist die Sprache im Gottesdienst jedoch Ukrainisch, nicht Kirchenslawisch. In allen Ostkirchen kann ein Mann, bevor er Priester wird, wählen, ob er heiraten oder zölibatär leben möchte. 

Wie empfinden Sie die kulturellen Unter­schiede zwischen der Ukraine und der Schweiz?
Ich registriere zwischen uns mehr Gemein­samkeiten als Unterschiede. Vom Charakter her verteidigen wir unsere Freiheit und Unabhängigkeit, sind fleissig und arbeit­sam, schätzen unsere Kultur, Traditionen und Eigenheiten, respektieren aber auch andere Kulturen und Religionen. In diesem Sinne akzeptieren wir nicht, wenn eine ­Nation sich über die andere erhebt, wie es ­gerade im Krieg mit Russland geschieht. Frieden beginnt erst, wenn die Versöhnungsarbeit anfängt. Da sind wir alle gefordert. Ich danke den Schweizer Bürgerinnen und Bürgern für ihre Grosszügigkeit und Offenheit. Möge der Herr sie dafür segnen.  

Die Termine für die ukrainischen Gottesdienste in Olten werden im «Kirchenblatt» unter ­Agenda und auf der Website der Synode, www.synode-so.ch, bekannt gegeben.

Die Kirchen in der Ukraine 

Die ukrainische griechisch-katholische Kirche (UGKK) ist die kleinste der drei Kirchen, die dem byzantinischen Ritus angehören. Die UGKK unierte 1596 mit der römisch-­katholischen Kirche. Die UGKK ist vor allem in der Westukraine stark verbreitet.

Die Mehrheit der ukrainischen Christen gehört entweder zur selbstständigen (autokephalen) ukrainisch-orthodoxen Kirche oder zur russisch-orthodoxen Kirche der Ukraine. Letztere hat sich 1686 dem Moskauer Patriarchat unterstellt. Ende Mai 2022 entschied ein Landeskonzil der russisch-orthodoxen Kirche der Ukraine, die «Selbstständigkeit und Unabhängigkeit» von Moskau, indem sie sich von Russland und vom Moskauer Patriarchat lossagte.

Vor dem Krieg zählte die Ukraine 44,13 Mio. Einwohner, die religiösen Bekenntnisse sind vielfältig. Neben den Orthodoxen und den Katholiken leben jüdische, muslimische und protestantische Minderheiten sowie viele Konfessionslose im Land. 

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Volodymyr Horoshko wurde 1980 in der ­Ukraine geboren und studierte in der Ukraine und in Rom Theologie und orientalisches ­Kirchenrecht. Nach dem Studium heiratete er und wurde 2010 in der Ukraine zum Priester geweiht. Während fünf Jahren begleitete er als Seelsorger ukrainische Auswanderer in Lugano, Bern und Basel. Seit 2022 betreut er die ukrainische Gemeinde in Bern und ist priesterlicher Mitarbeiter in Deutsch-­Freiburg. Er spricht Ukrainisch, Russisch, Englisch, Italienisch und Deutsch.