Aktuelle Nummer 05 | 2024
25. Februar 2024 bis 09. März 2024

Editorial

Kloster auf Zeit

Der bekannte Herzchirurg Thierry Carrel zieht sich regelmässig ins Kloster zurück, wo er zu den Psalm­gesängen der Mönche über sich und sein Leben, über Ethik und Religion, über Möglichkeiten und Grenzen der Spitzenmedizin nachdenkt. Die Bücher von Benediktinermönch Anselm Grün gehören zu den Bestsellern, auch bei Menschen, die sonst kaum mehr religiös interessiert sind. Das Klosterleben scheint eine Insel in unserer hektischen Welt darzustellen und erlebt eine wahre Renaissance. Auf der anderen Seite sind nicht wenige monastische Gemeinschaften massiv überaltert und kämpfen ums Überleben. 

Wer sich entschliesst, dauerhaft im Kloster zu leben, entscheidet sich für ein anderes Leben, als es in der «normalen» Welt üblich ist. Der Wunsch, Gott nahe zu sein und nach seinen eigenen Wurzeln zu leben, bedeutet auch eine Abkehr von vielen weltlichen Dingen. Besonders schwer fällt dabei, Freunde, Bekannte, Verwandte, Heimat und Beruf hinter sich zu lassen. Andererseits stellen wir uns die Brüder und Schwestern oft in einem allzu altmodischen Licht vor, denn das Leben im Kloster bedeutet heute auch, mit der Zeit, der Technik und neuen Lebensformen zu gehen. Doch was zieht einen Menschen in die Abgeschiedenheit eines Klosters? Ist es eine Art Flucht? Zu den Beweggründen eines Ordenseintritts erklärte mir in den Herbstferien ein Zisterzienserpater: «Wenn man so radikal auf sich selbst ausgerichtet ist, wie wir es ausserhalb der Gebetszeiten und der gemeinsamen Arbeit sind, dann hält man es ohne Überzeugung im Kloster nicht aus. Wir leben zwar die Gemeinschaft, schlussendlich ist jedoch jeder allein in seinem Suchen.» Dieses Suchen in der Stille, der Rückzug aus der Betriebsamkeit und das Erleben von Gemeinschaft bilden für viele moderne Menschen den Reiz zu einer Erfahrung von «Kloster auf Zeit». Ein Angebot, dass auch die Gemeinschaft von Hauterive, die über 800 Jahre alt ist, anbietet. Trotz Zurückgezogenheit war hier – rund fünf Kilometer von der Stadt Freiburg entfernt – der Kontakt mit der Aussenwelt stets ein zentrales Anliegen. Es ist ihr zu wünschen, dass diese Tradition noch lange weitergelebt werden kann und auch viele Aussenstehende vom Geist des monastischen Lebens angesteckt werden.                              

 

Mit freundlichen Grüssen 

Reto Stampfli