Aktuelle Nummer 05 | 2024
25. Februar 2024 bis 09. März 2024

Bischof Erwin Kräutler: «Der nächste Papst kann es vielleicht schaffen»

Gerade sind Sie noch in Koblach, in Vorarlberg. Hier haben Sie als Kind und junger Mann gelebt. Das ist neben Brasilien ihre Heimat. Wie ist es für die Dorfbewohnenden, wenn der Herr Bischof durch die Strassen geht?

Bischof Erwin Kräutler*: Hier bin ich einfach nur der Erwin. Kürzlich war ich im Spital. Neben mir lag ein älterer Herr aus dem Nachbardorf. Als er mich fragte, wo ich denn lebe, sagte ich, in Brasilien. Da meinte er: In Brasilien lebt auch der Bischof Kräutler. Ich musste schmunzeln. Später habe ich ihm dann natürlich gesagt, dass ich das bin.

Seit über zwei Jahre sind Sie nun in Koblach. Bald geht es wieder nach Brasilien.** Woran hängt ihr Herz im Amazonasgebiet?

Kräutler: An den Menschen. Ich gehöre einfach dorthin. Obwohl es im Voralberg selbstredend auch sehr schön ist.

Sie sind der Wanderbischof. Wie muss ich mir das vorstellen?

Kräutler: Ich war nur ein paar Wochen im Jahr in meinem Bischofshaus. Der Rest der Zeit habe ich mit den Menschen im Amazonasgebiet verbracht. Das bedeutete, dass ich mit einem kleinen Boot unterwegs war. Darauf konnte ich meine Hängematte spannen. Meistens war ich zwei Tage in einer Gemeinde. Dann feierte ich mit ihnen die Eucharistie und firmte junge Menschen. Und dann zog ich weiter, um möglichst viele zu besuchen. Und dennoch: Die Menschen sehen teilweise nur einmal im Jahr einen Priester.

Wie wurden Sie empfangen?

Kräutler: Es war immer ein Fest. Ich wurde vom ganzen Dorf verküsst. Und immer wurde mir die Frage gestellt: Wo ist deine Frau?

Was haben Sie darauf geantwortet?

Kräutler: Als ich noch junger Bischof war, habe ich gesagt, dass ich nicht verheiratet bin. Der Dorfoberste schaute mich komisch an. Er konnte es einfach nicht verstehen. Denn das Konzept Zölibat passt nicht in ihre Lebensrealität.

Und was haben Sie als älterer Bischof dann gesagt?

Kräutler: Ich habe immer gesagt, dass meine Frau weit, weit weg ist. Die Dorfbewohner fanden es schade, dass ich allein gekommen bin. Aber immerhin gab es keine komischen Reaktionen mehr.

Sie sprachen davon, dass viele Gemeinden nur einmal im Jahr einen Priester sehen.

Kräutler: Ja, in meiner Diözese feiern 80 bis 90 Prozent der Katholikinnen und Katholiken nur einmal im Jahr Eucharistie. Das ist ein Skandal.

Was wünschen Sie sich?

Kräutler: Bewährte Menschen aus den kirchlichen Gemeinden, zu Priestern oder Priesterinnen zu weihen. So können sie jeden Sonntag Eucharistie feiern.

Bei der Amazonassynode haben Sie und viele andere Bischöfe genau das gefordert…

Kräutler: …und Papst Franziskus hat es nicht angenommen. Obwohl er uns Bischöfen zuvor gesagt hat: Macht mir mutige Vorschläge.

Was macht das mit Ihnen?

Kräutler: Ich bin frustriert und enttäuscht. Bei der Amazonassynode haben 80 Prozent der Bischöfe für viri probati und das Frauendiakonat gestimmt. Unvorstellbar, dass Papst Franziskus das in seinem Apostolischen Schreiben mit keinem Wort erwähnt hat. Ein Mitbruder, der sehr, sehr traditionell ist, hat mir gesagt: Ich habe vier verheiratete Männer, die ich sofort weihen kann. Darum: ich verstehe es nicht, warum nichts von unseren Forderungen umgesetzt wurde.

Bröckelt dadurch der Ruf von Franziskus ein Reformpapst zu sein?

Kräutler: Ja. Er provoziert eine wahnsinnige Hoffnung.

Wie blicken Sie auf den synodalen Prozess der Weltkirche?

Kräutler: Da wird nichts dabei rauskommen. Ausser Spesen, nichts gewesen. Das Problem ist ja, dass die ganzen Reformthemen nicht besprochen werden.

Seit Jahren gibt es einen Reformstau in der katholischen Kirche. Wann wird es verheiratete Priester und Diakoninnen geben?

Kräutler: Verheiratet Priester kommen zuerst, dann das Frauendiakonat. Priesterinnen wird die nächste Stufe sein.

Papst Franziskus sagt, dass Frauen nicht zu Priesterinnen geweiht werden müssen, weil sie vor dem Klerikalismus geschützt werden müssen.

Kräutler: Das ist ein Witz. Die nicht-geweihten Männer im Amazonasgebiet sind viel klerikaler als die Frauen, die Gemeinden leiten. Ich kenne keine Frau, die den Klerikalismus lebt. Keine.

Aber Papst Johannes Paul II. hat gesagt, dass es keine Priesterinnen geben kann.

Kräutler: Der polnische Papst hat leider nicht mitbekommen, dass die Frauen heute eine ganz andere Stellung haben. Früher gab es ja nicht mal Frauen im Theologiestudium. Heute sieht die Welt anders aus. Wir brauchen Frauen – auch in Ämtern. Es kann nicht sein, dass uralte Männer eine Theologie der Frau entwerfen.

Nicht nur auf Frauen, sondern auch auf die Befreiungstheologie hatte Johannes Paul II. einen engen Blick. Jahrzehnte lang wurden Befreiungstheologen vom Vatikan bekämpft. Leonardo Boff erhielt 1985 von Kardinal Joseph Ratzinger ein Lehr- und Predigtverbot. Wie haben Sie diese Zeit unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. wahrgenommen?

Kräutler: Als ich das erste Mal bei Papst Johannes Paul II. war, fragte er mich, wie viele Priester ich habe. Ich sagte: 16. Er meinte, dass das zu wenige seien für dies grosse Fläche. «Wie machen Sie das?», fragte er mich. Ich sagte, dass es auch noch Laien gibt, die die kirchlichen Basisgemeinden am Laufen halten. Was mich irritierte, war, als er meinte, dass es gut ist, dass die Kirche auf der Seite der Armen steht. Obwohl er es war, der gegen die Befreiungstheologie kämpfte. Joseph Ratzinger und Johannes Paul II. haben das nie verstanden.

Als Bischof haben Sie sich auf die Seite der Armen gestellt und sich durchaus in Gefahr gebracht. Was war der schlimmste Moment für Sie?

Kräutler: Es gab einen Anschlag auf mich. Ich überlebte, doch mein Beifahrer starb. Das war unglaublich schmerzhaft für mich. Auch, als eine Ordensschwester ermordet wurde, weil sie sich für die Armen eingesetzt hatte.

Wie kam es dazu, dass es Krimielle auf Sie abgesehen haben?

Kräutler: Mein Einsatz für die Armen und die Umwelt gefällt den Mächtigen nicht, die diese ausbeuten. Zum anderen zeigte ich einflussreiche Personen in Altamira wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern und Kinderprostitution an. Eine Teenagerin aus meinem Bistum wurde von hochrangigen Männern vergewaltigt. Die Eltern erzählten mir davon. Ich ging zur Polizei. Nach meiner Aussage standen schon die TV-Sender vor der Polizeiwache. Ich sagte vor laufenden Fernsehkameras, dass diese Männer Monster sind. Am Abend kam der Polizeichef zu mir und sagte, dass ich unter Polizeischutz stehe.

Wie ging es Ihnen dabei?

Kräutler: Ich wollte das nicht annehmen. Aber ihnen lagen weitere Informationen vor. Vermutlich wollten die Verbrechen mich töten. Seit 2006 sind immer zwei Polizisten an meiner Seite. Mal schauen, wie es sein wird, wenn ich nach Brasilien zurückkehre.

Sie informieren dann die Behörden, oder?

Kräutler: Sie werden es schon mitbekommen, wenn ich komme. Und wenn nicht, ist es eben so.

Haben Sie keine Angst, umgebracht zu werden?

Kräutler: Angst ist nie ein guter Begleiter.

Sie haben sich aber schon zuvor für die Schwächsten der Gesellschaft eingesetzt und wurde dadurch zur Zielscheibe von Mächtigen.

Kräutler: Das ist so, ja. Ich habe mich gegen den Bau eines Staudamms und für die Indigenen eingesetzt. Ein anderes Mal wurden Landarbeiter neun Monate nicht bezahlt – obwohl sie ihre Ernte abgeliefert hatten. Sie organisierten eine Strassenblockade. Ich habe das nicht befürwortet, habe sie aber in ihrer Aktion vor Ort unterstützt. Als die Polizei kam, setzten wir uns Schulter an Schulter auf die Strasse. Selbst, als sie Tränengas eingesetzt haben – es waren sehr viele Frauen, Schwangere und Kinder dabei – waren die Menschen standhaft. Ein Polizist zogen mich aus der Gruppe heraus und verprügelten mich. Die Menschen schrien: Hör auf, das ist unser Bischof.

Was war bislang ihr schönster Moment als Bischof?

Kräutler: Das ist eine schwierige Frage, da ich unzählig viel Schönes erlebt habe. Der schönste Moment war aber sicherlich, als die Rechte der indigenen Völker Brasiliens in die Verfassung aufgenommen wurden. Hierfür habe ich Jahrzehnte gekämpft.

Sie sind ein politischer Bischof. Hierzulange gibt es immer wieder Stimmen, die keine politische Kirche wollen. Was sagen Sie dazu?

Kräutler: Wenn ich still bin, bin ich auch politisch. Wenn es um Menschenrechte geht, muss man politisch sein.

Wie kann Veränderung in der Kirche stattfinden?

Kräutler: Ich habe als junger Mann das Zweite Vatikanische Konzil erlebt. Das war ein Frühling für die Kirche. Diesen Frühling braucht es wieder. Der nächste Papst kann es vielleicht schaffen.

Kann der nachfolgende Papst die Uhr nicht wieder zurückdrehen?

Kräutler: Nein, das kann er nicht. Das, was Papst Franziskus eingeleitet hat, dahinter kann die Kirche nicht.

Papst Benedikt XVI. betonte immer wieder, dass die Zukunft der Kirche nicht mehr in Europa liegt, sondern vielmehr auf anderen Kontinenten. Was sagen Sie dazu?

Kräutler: Wenn ich sonntags mit 400 Menschen in der Kathedrale einen Gottesdienst feiere, frage ich mich: Wo sind die vielen anderen tausende Gläubige? So blühend ist es bei uns auch nicht – auch wenn hierzulande das Reaktionäre gerne behaupten. Zudem: In Lateinamerika wandeln viele Katholikinnen und Katholiken zu den Sekten ab, weil sie keinen Zugang zur Eucharistiefeier haben – wegen des von Rom gemachten Priestermangels. Es ist Zeit, endlich was zu ändern. (kath.ch)

*Bischof Erwin Kräutler war bis 2015 Bischof und Prälat von Xingu. Flächenmässig ist das die grösste Diözese Brasiliens. 2010 wurde er für seinen Einsatz für Menschenrechte der indigenen Bevölkerung im Amazonasgebiet mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

** Inzwischen ist Bischof Erwin Kräutler wieder in Brasilien.